»Extremisten wollen zur Bundeswehr«
Publik-Forum: Herr Professor Wolffsohn, Sie sehen einen Zusammenhang zwischen der Abschaffung der Wehrpflicht und einer erhöhten Anfälligkeit der Bundeswehr für Rechtsextremisten. Wie begründen Sie das?
Michael Wolffsohn: Als die sogenannte allgemeine Wehrpflicht abgeschafft wurde, war sie längst nicht mehr allgemein. Nur 16 Prozent eines Jahrgangs kamen zur Bundeswehr. Die Allgemeinheit hatte sich faktisch bereits längst der Bundeswehr verweigert oder entzogen. Daraus zog die Politik die Konsequenzen. So wurde ein Vakuum geschaffen. Zu den vielen Idealisten in der Bundeswehr – sie sind immer noch in der Mehrheit – kamen vermehrt Extremisten. Die Rechte hatte den »Marsch durch die Institution« Bundeswehr angekündigt. Die Folgen sehen wir jetzt: Franco A. dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Es kamen auch Islamisten. Im November 2016 wurden zwanzig enttarnt und entlassen, weitere sechzig werden observiert.
Was macht die Armee für sie so anziehend?
Wolffsohn: Die kostenlose Ausbildung an Waffen und die Nähe zu diesen. So kann man sie nämlich leichter stehlen. Der Fisch stinkt also nicht nur von oben, sondern von unten. Letztlich sind wir alle daran schuld.
Rechtsextreme in der Armee gab es auch schon zur Zeit der allgemeinen Wehrpflicht.
Wolffsohn: Ja, aber längst nicht so viele wie jetzt bekannt. Sie waren auch nicht terroristisch aktiv. Es war nicht Teil ihrer Strategie. Früher hatten sie auch mehr Konkurrenz. Heute will kaum jemand mehr zur Bundeswehr außer Idealisten, jungen Leuten, die auf dem boomenden zivilen Arbeitsmarkt nicht unterkommen, und eben Extremisten. Die Quantität der Auswahl ändert auch die Qualität des Personals. Idealisten und Demokraten geraten in der Bundeswehr in die Defensive. Wir kennen das Problem auch in anderen Streitkräften, wo die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft wurde.
Zieht nicht jede Armee unweigerlich einen bestimmten Typ Mensch an?
Wolffsohn: Ja, aber man muss und darf es ihnen nicht so leicht machen wie wir – eben durch den Entzug der Allgemeinheit in den Streitkräften.
Sie lehrten als jüdischer Historiker an einer Bundeswehr-Universität. Ist Ihnen rechtsextremes Gedankengut begegnet?
Wolffsohn: Persönlich nicht. »Wir kommen gerne zu Ihnen«, sagten mir die Studenten oft. Als ich sie fragte, wo denn die angeblich zahlreichen Rechtsextremisten seien, antworteten sie mir offen: »Die kommen nicht zu Ihnen.«
Der terrorverdächtige Soldat soll in seiner Abschlussarbeit rechtsextreme Gedanken formuliert haben. Wie ist so etwas möglich?
Wolffsohn: Gute Frage. Das Führungsdefizit ist offensichtlich. Genau das versucht Frau von der Leyen aufklären zu lassen. Anders als die meisten ihrer Vorgänger vertuscht sie das nicht. Hut ab. Anstatt das zu würdigen, fallen viele über sie her und verlieren das Hauptziel aus den Augen: alle Extremisten aus der Truppe entfernen.
Ist die Bundeswehr zu nachlässig in der Auswahl ihres Führungspersonals?
Wolffsohn: Wo es keine Auswahl gibt, kann man nicht auswählen. Zumindest immer weniger. Ich wiederhole mich: Ohne Allgemeine Wehr- oder Dienstpflicht – für Männer und Frauen – geht es nicht. Das hat auch die Kommission unter Leitung von Frank-Jürgen Weise festgestellt. Denkbar wäre noch eine Möglichkeit: eine Söldnerarmee à la Fremdenlegion. Ein Albtraum. Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird das kommen.
