Frankfurter Rundschau: Verleger als Versager
Noch sind die Würfel nicht gefallen: Die Entscheidung über die Zukunft der Frankfurter Rundschau wurde heute um genau einen Monat verschoben. Bis zum 1. März betreibt sie der Insolvenzverwalter weiter. So wurde es heute bei einer FR-Betriebsversammlung öffentlich. Dann übernimmt das linksliberale Traditionsblatt mit einiger Wahrscheinlichkeit ein türkischer Investor oder die – bislang nur informell genannte und wie ein scheues Reh agierende – FAZ.
Das Angebot aus der Türkei habe einen Haken: Es sei bislang weder konzeptionell noch finanziell akzeptabel, sagte Insolvenzverwalter Frank Schmitt. Eine Vorentscheidung für die konservative Frankfurter Alternative? Jedenfalls ist es das vorläufige Ende einer Geschichte, die beispielhaft vor Augen führt, wie ein linksliberales Projekt zu Tode gerettet wird.
Zugegeben: Der Medienmarkt ist schwierig. Jüngere Leute abonnieren kaum Zeitungen, das Internet ist eine schwierige Gratiskonkurrenz und auch Anzeigen wandern dorthin ab. Bei der Frankfurter Rundschau kommt hinzu, dass sie in erfolgreichen Zeiten bis zur Jahrtausendwende nicht gut mit ihrem Geld umging. Diese Faktoren erklären aber nicht, warum gerade sie in den letzten zehn Jahren mehr als die Hälfte ihrer verkauften Auflage verlor. Denn die Frankfurter Rundschau hatte ein bundesweites anerkanntes linksliberales Profil und betrieb einen vor Ort hoch anerkannten Regional- und Lokaljournalismus.
Anfang dieses Jahrtausends begann die Krise des Verlages. Doch statt die Abwärtsspirale zu verlangsamen, wurde sie durch die einsteigenden Investoren immer weiter beschleunigt. Es begann mit dem Einstieg der SPD-eigenen Medienholding DDVG. Statt der Zeitung auch eine publizistische Vision zu geben und das Profil und die Lokalberichterstattung zu stärken, regierte die Partei-Holding wie eine schlecht verwaltete Konzernzentrale: Sparen auf Teufel komm raus. Es wurden viele Stellen abgebaut und so gut wie nichts aufgebaut. Was sich SPD-eigen nannte, regierte wie eine schlechte FDP. Und obendrein versuchte die DDVG auch immer wieder, den auch SPD-kritischen Kurs der Redaktion »sanft« zu beeinflussen.
Noch schlimmer wurde es mit dem Einstieg von DuMont Schauberg, einem Medienkonzern, der auch andere Tageszeitungen wie den Kölner Stadtanzeiger und die Berliner Zeitung besitzt. Er versuchte die Frankfurter Rundschau zu erneuern. Aber wie? Zwar war das Tabloid-Format noch irgendwo originell, doch mit dem Format änderte sich viel mehr als das Format: Unter dem eingeflogenen Chefredakteur Uwe Vorkötter wurde das linksliberale Profil geschliffen (nach dem Motto: »Weg mit dem linken Kram!«), der Lokaljournalismus abgespeckt und die Zeitung stärker boulevardisiert. Statt jüngere Leser zu begeistern, erlebte der Verlag sein Waterloo: Die Jüngeren abonnierten weiterhin nicht und die Älteren fanden ihr Profil und ihre Lokalberichterstattung nicht mehr wieder und kündigten in Massen. Als der Mantelteil dann noch von Berlin aus gemacht wurde, verlor die Frankfurter Rundschau endgültig ihre Identität. Da half auch die kurzfristige Verbesserung des Lokalteils nicht mehr. Die Retter haben die Seele der Frankfurter Rundschau verkauft. Und jetzt findet sie sich wahrscheinlich endgültig, wo sie nie hingehörte: im Konzert konservativ orientierter Verlage.
