Frau Kaddor, warum werden Sie kritisiert?
Publik-Forum: Frau Kaddor, nach jedem islamistischen Anschlag gibt es abgrenzende Erklärungen von Islamverbänden. Trotzdem haben Sie als Privatperson zu einem Ramadan-Friedensmarsch durch Köln aufgerufen. Warum?
Lamya Kaddor: Die Anschläge von Manchester, London oder Kabul haben bei mir und Tarek Mohamad das Bedürfnis hervorgerufen, innermuslimisch noch ein stärkeres Zeichen der Empörung und des Widerstands zu organisieren – zumal die Verbrechen im Ramadan geschahen. Wir haben eine Stimmung aufgegriffen, so wie die Londoner Imame, die etwa den Terroristen das Totengebet verweigert haben.
Neben Anerkennung gab es Kritik. Die »Ditib«, der Dachverband vieler türkischer Moscheen in Deutschland, sprach von politischer und medialer Effekthascherei.
Kaddor: Ich halte die Argumentation für fadenscheinig und absurd. Außerdem finde ich den Vorwurf der Effekthascherei traurig. Was blieb uns denn als Privatpersonen anderes übrig, als über die Öffentlichkeit auf den Marsch aufmerksam zu machen? Der Vorstand der Ditib hat offensichtlich ein mangelndes Gespür für politische Diskurse in Deutschland. Er hat aus meiner Sicht den Marsch völlig falsch bewertet.
Fühlte sich Ditib von Ihnen als Mitglied des »Liberal-Islamischen Bundes« provoziert?
Kaddor: Mag sein. Aber es war immer klar, dass diese Demonstration keine Aktion des Liberal-Islamischen Bundes war. Auch Verbände aus dem konservativen theologischen Spektrum haben sich dem Marsch angeschlossen. Sie haben begriffen, dass es in diesem Fall nicht um liberal oder konservativ geht, nicht mal um muslimisch oder nichtmuslimisch, sondern darum, sich mit einer Stimme gegen Gewalt aufzulehnen.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten mit Ihrer Demonstration Wasser auf die Mühlen der Islamfeinde geschüttet, weil sie deren Vorurteile noch verstärkt hätten?
Kaddor: Wie bitte? Ich? Man sollte sich eher fragen, wer die Chance ausgeschlagen hat, islamfeindlichen Vorurteilen etwas Sichtbares entgegenzusetzen. Allerdings ist diese Diskussion sachlich gesehen ohnehin Quatsch. Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit funktioniert nach eigenen Gesetzen. Um Islamfeindlichkeit zu pflegen, braucht man keine Muslime. Wir haben auch niemanden stigmatisiert. Der Aufruf richtete sich nicht nur an Muslime, sondern auch an deren Freunde.
Wie erklären Sie sich die Polarisierungen?
Kaddor: Es zeigt wieder, dass man nicht von »dem Islam« sprechen kann. Merkwürdig: Dieselben Personen, die mich wegen meiner theologischen Haltung heftig anfeinden, gratulieren mir, wenn ich Islamfeindlichkeit und Rassismus anprangere. Aber ich lasse mich von keiner Seite instrumentalisieren. Genauso wie es selbstverständlich sein sollte, dass wir in Deutschland gegen Rechts auf die Straße gehen, so sollte es auch möglich sein, dass wir gegen Islamismus auf die Straße gehen. Wir Muslime sollten den Diskurs über den Islam nicht den Extremisten, den Terroristen oder Islamhassern überlassen. Wir können einen Beitrag leisten, dass junge Muslime gar nicht auf die Idee kommen, sich mit Islamisten zu identifizieren. Also müssen wir Muslime für die gesellschaftliche Ächtung des Islamismus sorgen. Das war das Hauptziel unserer Demo. Dass die Ditib nicht teilgenommen hat, heißt natürlich nicht, dass sie Gewalt gutheißt. Aber sie hätte ja auch sagen können: Wir unterstützen dies.
Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?
Kaddor: Die Aufmerksamkeit von Medien und Politik war enorm. Zur Beteiligung: Es kommt mir letztlich nicht auf die Zahl an. Wo Geist ist, da entsteht Kultur.
