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Gleichstellung – nicht für Männer

Das Kabinett hat den Zweiten Gleichstellungsbericht verabschiedet. Das zugrunde liegende Gutachten zeigt, dass es immer noch eine Benachteiligung von Frauen gibt. Nach den Schattenseiten für Männer aber fragt das Gutachten fast nicht. Dabei könnte genau das Männern und Frauen nützen
von Thomas Gesterkamp vom 22.06.2017
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Eine Kommission aus Wissenschaft und Politikberatung hat in den letzten Jahren interdisziplinär Material zum Geschlechterverhältnis gesammelt. Heraus gekommen ist ein 200 Seiten starker Bericht, der unter dem Titel »Erwerbs – und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten« den Stand der Gleichstellung von Männern und Frauen im Jahr 2017 dokumentiert.

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Er knüpft an ein vor sechs Jahren veröffentlichtes Gutachten an, das Ursula von der Leyen als Familienministerin 2008 in Auftrag gegeben hatte. Allerdings wurde es von ihrer Nachfolgerin verschmäht: Weil sich die Erkenntnisse allzu sehr mit den Forderungen der damaligen rot-rot-grünen Opposition deckten, ließ sich Kristina Schröder (CDU) bei der Präsentation von ihrem Staatssekretär Hermann Kues vertreten.

Kluft zu Lasten der Frauen

»Gap«, das englische Wort für Lücke, ist das Lieblingswort der Sachverständigen. Sie sprechen vom »Gender Pay Gap«, vom »Gender Lifetime Earnings Gap« und vom »Gender Pension Gap«. Zu deutsch: Es gibt eine Kluft zwischen den Geschlechtern, zu Lasten der Frauen. Sie verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger, ihr Gesamteinkommen im Lebensverlauf ist 49 Prozent niedriger, sie haben um 53 Prozent geringere eigene Rentenansprüche. Und ihre bezahlte Wochenarbeitszeit ist 8,2 Stunden kürzer, ebenfalls eine Lücke von 21 Prozent.

Diesen »Gender Time Gap« könnte man nicht als Nachteil, sondern als zeitsouveränes Privileg interpretieren – wäre da nicht die unbezahlte private Sorgearbeit, die die Expertise ausführlich herausstellt. Der »Gender Care Gap« beträgt 52 Prozent, bei Paaren mit Kindern sogar 83,3 Prozent. In diesem Bereich gibt es die größte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen leisten erheblich mehr als Männer im Haushalt, bei der Erziehung von Kindern und bei der Pflege älterer Angehöriger. Daran scheint sich nicht wirklich etwas zu ändern.

Die Schattenseiten für die Männer

Das Gutachten legt wie sein Vorgänger den Schwerpunkt auf den (Erwerbs)Arbeitsmarkt, auf die daraus abgeleiteten sozialpolitischen Ansprüche sowie auf das Steuer-, Ehe- und Familienrecht. Diese Betrachtungsweise hat Stärken, weil die fortbestehenden Nachteile von Frauen in zentralen Bereichen herausgearbeitet werden. Die Schwäche liegt darin, dass andere Politikfelder kaum vorkommen. Ausgerechnet dort aber sind die Gaps, die Differenzen zwischen den Geschlechtern, längst nicht so eindeutig. Teilweise liegen die Schattenseiten sogar auf der anderen Seite, bei den Männern.

Deshalb hier ein paar Wortkreationen, die nicht aus dem Bericht stammen, aber eigentlich hinein gehören würden. Etwa der »Gender Life Expectation Gap«: Männer haben in Deutschland eine über fünf Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen. In der Nachkriegszeit lag diese Differenz sogar bei acht Jahren, in Teilen Osteuropas beträgt das Gefälle nach wie vor bis zu 15 Jahre. Die Klosterstudie des Demografen Marc Luy, der die vergleichbaren Biografien von Nonnen und Mönchen untersucht hat, ergibt einen biologisch bedingten Geschlechterunterschied von nur einem Jahr. Alles andere hat mit der Art zu tun, wie Männer leben, arbeiten, mit ihrem Körper umgehen. Sie gehen seltener zum Arzt, sie haben körperlich ruinöse Jobs, sie ernähren sich ungesünder, rauchen und trinken mehr.

»Indianer kennen keinen Schmerz«

Die Folgen der Devise »Indianer kennen keinen Schmerz« sollten Gewicht haben in einem Bericht, der die »Lebensverlaufsperspektive« zum zentralen Konzept erklärt. Das Gutachten aber prägt ein verengter Blick auf die Gleichstellung. Das Thema Männergesundheit taucht so gut wie nicht auf. Die Liste der entstehenden Lücken ließe sich ergänzen: um den »Gender Suicide Gap«, der mehr als dreimal höheren männlichen Selbstmordrate. Oder um den »Gender Homeless Gap«: Erheblich mehr Männer als Frauen leben auf der Straße. Eine geschlechterdialogisch orientierte Politik sollte dennoch vermeiden, in eine unproduktive Hitparade der Benachteiligung einzusteigen.

Der britische Autor Jack Urwin zeigt in seinem Buch »Boys don’t cry«, wie man auf die negativen Folgen männlichen Rollenverhaltens hinweisen kann, ohne die Schuld dafür bei den Frauen zu suchen. Für sein »brillantes, persönliches, nicht einmal sexistisches« Werk lobte ihn die Feministin Laurie Penny.

Doch weil Männeraspekte in gleichstellungspolitischen Kontexten selten debattiert werden, ist ein Vakuum entstanden, das sogenannte Maskulinisten polemisch füllen: Antifeministische Männerrechtler betrachten sich als Opfer in nahezu jeder Lebenslage, sie wähnen sich in einem von der »Gender-Ideologie« geprägten »Umerziehungsstaat«. Parlamentarisch unterstützt werden sie von der AfD, in deren neuem Parteiprogramm von einer angeblichen »Stigmatisierung traditioneller Geschlechterrollen« die Rede ist.

Im Gegensatz dazu will das aktuelle Gutachten das »Erwerb- und Sorge-Modell für Frauen und Männer in ihrer Vielfalt ermöglichen«. Die Handlungsempfehlungen seien »auch für viele Männer wichtig«, hätten »positive Auswirkungen auf ihre Lebensrealitäten«.

Eines von sechs Faltblättern, die den Bericht in Kurzform zusammenfassen, beschäftigt sich explizit mit dem Männern. Die Sachverständigen fordern, dass »Strukturen erkannt und beseitigt werden«, die diese »an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe hindern«. Sie weisen hin auf die überlangen männlichen Arbeitszeiten im Beruf, das wachsende Engagement von Männern in Erziehung und Pflege und die besonderen Schwierigkeiten der überwiegend männlichen Geflüchteten. Das solche Aspekte zumindest auftauchen, ist ein Fortschritt gegenüber der ersten Expertise – und im Sinne einer Geschlechterpolitik, die Männer nicht gönnerinnenhaft als Unterstützer »einbezieht«, sondern als eigenständige Akteure anerkennt.

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Schlagwörter: Frauen Gleichstellung Männer
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