Gott darf entspannen
Der Mormone Mitt Romney und der von 17 Prozent der Amerikaner für einen Muslim gehaltene Christ Barack Obama gehen mit ihren religiösen Bekenntnissen nur ungern hausieren. Doch die sind nicht wirklich eine Hürde im Wahlkampf: Obama muss sich vor allem für die Misserfolge seiner Präsidenten-Jahre rechtfertigen. Und auch für Romney gibt es größere Hindernisse auf dem Weg ins Weiße Haus als sein von den Medien attestiertes ‘Mormomenproblem’.
Nicht nur die Frauen, die Latinos und die Jungwähler laufen ihm weg – Romney verliert die Unterstützung in den eigenen Reihen. Die Partei der weißen alten Männer windet sich in Panikattacken, weil Obamas Herausforderer die eigene Kandidatur durch permanente Pannen und Patzer sabotiert. Als »Katastrophe auf Rädern« bezeichnet ihn das Wall Street Journal. »Dumm und arrogant«, schimpft der Weekly Standard. Mit seiner vermeintlichen wirtschaftlichen Superkompetenz kann der 250 Millionen schwere Kasinokapitalist auch nicht mehr punkten. Obwohl sich die Wirtschaft nur stotternd erholt und viele der Obama-Reformen im blockierten Kongress stecken geblieben sind, führt der Präsident in den wahlentscheidenden Swing States. Würde Amerika heute wählen, wäre Romney weg vom Fenster.
Eine letzte Chance bekam der Republikaner gestern Abend in Denver, Colorado bei der ersten TV-Präsidentschaftsdebatte. Mit Obamas rhetorischer Brillanz kann zwar kaum einer konkurrieren, doch als amtierender Präsident große Reden schwingen oder aber als Kandidat unter Zeitdruck diszipliniert argumentieren, das sind zwei verschiedene Dinge.
In der Debatte ging es ausschließlich um innenpolitische Themen: die schleppende Wirtschaftserholung, Obamas von den Republikanern abgelehnte Gesundheitsreform und generell die Rolle der Regierung. Themen wie Klimawandel, Umweltschutz, Energiefragen, Wall Street-Exzesse, Armut und Sozialabbau, rassistische Wahlgesetze, Überwachungsstaat, Abbau der Bürgerrechte, religiöse Freiheit, Einwanderung, Waffenkontrollgesetze, Afghanistan oder Obamas Drohnenkrieg kommen vielleicht in der zweiten Debatte am 16. Oktober zur Sprache. Vielleicht aber auch nicht. Denn wirklich brisante und bedeutsame Themen schaffen es selten in die vorgestanzte Wahlkampf-Endrunde.
Dafür sorgt heute mehr denn je das große Geld. Dank einer von den Demokraten heftig kritisierten Entscheidung des Obersten Gerichtshofs müssen Unternehmen in den USA ihre teilweise enormen Spenden bei dieser Wahl nicht mehr offenlegen. Und wo Wall Streets Sympathien liegen, ist klar. Sollte Romney am 6. November trotzdem verlieren, wäre die US-Demokratie noch einmal davongekommen.
