Hass und Diplomatie im Nahen Osten
Was ist nur los im Nahen Osten? Syrien versinkt im Bürgerkrieg, im Irak bekämpfen sich Sunniten und Schiiten bis aufs Messer, und die Kurden im Nordosten des Landes weiten ihr Autonomiegebiet immer weiter gen Westen aus. Das Heft fest in der Hand aber haben zwanzigtausend Kämpfer der Terrorgruppe Isis, deren erklärtes Ziel es ist, einen neuen Staat zu schaffen. »Ihr habt alle säkularen Systeme ausprobiert und unter ihnen gelitten. Jetzt ist das Zeitalter des islamischen Staates gekommen«, heißt es in einem 16-Punkte-Dokument. Es bildet die Grundlage der Isis-Terrorherrschaft in der irakischen Provinz Ninive, und es soll die Grundlage eines künftigen allislamischen Staates sein. Nichts weniger als eine Art Wiedergeburt des Osmanischen Reiches ersehnen die Isis-Kämpfer.
Dass ihnen die Grenzen der existierenden Staaten im Nahen Osten nichts gelten, liegt in einer vor über hundert Jahren beginnenden Geschichte der Demütigung begründet. Noch während des Ersten Weltkriegs teilten westliche Mächte, allen voran Franzosen und Briten, den Nahen Osten in Mandate und Protektorate auf. Aus diesen gingen teils vor, teils nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängige Staaten hervor. Doch ihr innerer Friede blieb prekär. Zu groß war die Abhängigkeit der neuen, »künstlichen« Nationalstaaten vom Westen, zu wenig gefestigt ihre innere Struktur. Der Stachel fremder Mächte – die die Idee des Nationalstaates und der Volkssouveränität eingeimpft hatten – saß tief. Das Konzept galt als »unislamisch«.
Und so begann ein schleichender Prozess der inneren Zerrüttung der arabischen Welt: Während auf der einen Seite mehr und mehr Menschen begannen, sich dem westlichen Konzept innerlich anzunähern, kämpften auf der anderen Seite Menschen dafür, eine islamische Identität zu bewahren, in der die jungen Staatengebilde nicht wirklich akzeptiert werden konnten.
Diesen alten Konflikt nutzen die Isis-Kämpfer neu: Sie verbreiten Angst und Schrecken im Namen einer Religion, deren Wahrheit sie so interpretieren, dass ihre Gewalt gerechtfertigt erscheint. Ja, mehr als das: Gewalt soll als einzig mögliche Reaktion auf den Westen, seine politischen Konzepte, seine Bildungspläne und seine Trennung von Religion und Staat gelten. So denken die Isis-Leute. Doch so denken Tausende von Musliminnen und Muslimen im Nahen Osten nicht.
Es spricht für das Friedenspotenzial des Islams, dass sich in dieser Situation Menschen finden, die als bekennende Gläubige Einhalt gebieten und im Konflikt vermitteln wollen. Oft aus ganz pragmatischem Grund: weil sie erkennen, dass alles andere in den sicheren Untergang führt. Zu diesen pragmatischen Friedensmissionaren zählt zum Beispiel Großajatollah Ali al-Sistani, der als Oberhaupt der Schiiten einem schiitischen Regierungschef ins Gewissen redet: Nuri al-Maliki solle, bitteschön, die sunnitische Minderheit im Irak nicht mehr diskriminieren, sondern einbinden. Nur dann sei islamische Gerechtigkeit hergestellt. Und nur dann sei man gemeinsam stark genug, um der Isis-Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Vielleicht kommt der Versöhnungsaufruf des Großajatollahs zu spät. Vielleicht aber bewirkt er doch ein Umdenken zentraler Akteure im Konflikt. Es müssen bekannte Persönlichkeiten sein – und bekannte Institutionen –, die das Ruder in die Hand nehmen. Das Weltethos-Konzept des christlichen Theologen Hans Küng und seiner Mitarbeiter beruht auf ebenjener Erkenntnis. Eine »religionsbasierte Konfliktbearbeitung« ist danach möglich, wenn Religion im Konflikt eine Rolle spielt und Vermittler glaubwürdig und machtvoll agieren.
So versucht es jetzt das staatliche Religionsamt in der Türkei. Von dort kommt ein in acht Sprachen verfasster Aufruf, in dem vor einer drohenden Spaltung der Muslime weltweit gewarnt wird. Keine muslimische Gruppe habe das Recht, ihre Auffassung als absolute Wahrheit zu betrachten und Anhänger anderer Konfessionen zum Tode zu verurteilen. Im Blick auf die Vorgänge im Irak ist das eine scharfe Kritik an den Isis-Kämpfern, die für sich den Islam in Anspruch nehmen. Das Religionsamt fordert ein Treffen religiöser Vertreter aller verfeindeten Lager, um Frieden zu schaffen.
Wenn irgendwer noch das Ruder herumreißen kann, dann sind es Muslime, die zu Vermittlern werden. Keine staatliche Macht des Westens genießt den Respekt, der Frieden schaffen könnte. Das zeigt: Was vor mehr als hundert Jahren geschah, ist wohl nie wieder gutzumachen.
