Hier wohnt nur noch der Tod
Stopp! Gesperrtes Gebiet!«, signalisiert ein Warnschild. Ein unnötiger Hinweis. Hier kommt ohnehin niemand durch: Jede der beiden Fahrspuren in das gesperrte - manche Japaner nennen es inzwischen das »verfluchte« - Gebiet wird von einem schweren Lastwagen blockiert. Und um zu verhindern, dass sich jemand zu Fuß, mit Fahr- oder Motorrad in das verfluchte Gebiet mogeln sollte, bewachen Polizisten mit Stahlhelm und Mundschutz die Grenze Tag und Nacht.
Es ist eine Zonengrenze im eigenen Land. So etwas gab es auch mal in Deutschland. Wer die innerdeutsche Grenze zu überqueren versuchte, dem drohte der Tod aus Gewehren und Selbstschussanlagen. Wer sich über die innerjapanische Grenze wagt, dem droht ein unsichtbarer, langsam schleichender Tod: Das »verfluchte Gebiet« ist hoch radioaktiv verstrahlt. Es ist die Zwanzig-Kilometer-Zone um das havarierte Kernkraftwerk Dai-Ichi bei Fukushima.
Keichiro und seine Leute können wohl nie wieder nach Hause zurück
Der achtzigjährige Keichiro Kakashima gehört zu den wenigen, die mit Spezialgenehmigung in Abständen von drei bis vier Monaten immer wieder kurz in die »Zone« fahren dürfen, für jeweils zwei Stunden. Er hat dort ein Haus. Oder soll man sagen: Er hatte? »Das Erdbeben vom 11. März 2011 hat Teile meines Hauses zerstört. Aber das«, erzählt er mit einer abschätzigen Handbewegung, »wäre wiedergutzumachen.« Schlimm für ihn ist das, was nicht wiedergutzumachen ist - jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten, wahrscheinlich aber auch nicht zu Lebzeiten seiner Kinder und Kindeskinder: Die Region Fukushima ist so stark radioaktiv verseucht, dass Keichiro und seine Angehörigen wohl nie wieder in ihr Heim und ihre Heimat zurück können - von jenen zwei Stunden abgesehen, die ihnen gelegentlich eingeräumt werden, um noch einige Habseligkeiten aus dem Haus zu holen.
Bei dem Reaktorunglück in Fukushima wurde 168-mal so viel radioaktives Cäsium 137 freigesetzt wie beim Abwurf der Atombombe in Hiroshima. Und 2,5-mal so viel radioaktives Xenon wie beim Kernkraftwerk in Tschernobyl. Allein diese Daten genügen, um zu verstehen, warum Fukushima auch für Hilfsorganisationen »ein Dauerthema« sein wird, wie Yukie Osa erklärt. Sie ist Präsidentin der Association for Aid and Relief (AAR), die mit Unterstützung von Caritas international in Japan arbeitet. »Für die Opfer des Erdbebens und des Tsunami werden wir in wenigen Jahren neue Perspektiven aufgebaut haben«, sagt Osa. »Aber Fukushima wird die Caritas und uns wahrscheinlich noch eine ganze Generation lang beschäftigen.«
Rund 78000 Menschen mussten die Region um Fukushima verlassen. Die meisten leben in Notunterkünften, manche von ihnen wurden für zwei Jahre - auf Kosten der Regierung und der Kraftwerkbetreiber-Gesellschaft Tepco - in Appartements bei Tokio umgesiedelt. »Was nach diesen zwei Jahren geschehen soll, hat uns niemand gesagt«, klagt die Rentnerin Mitsuko Murata unisono mit Keichiro Kakashima. »Niemand weiß, ob wir je wieder unsere Heimat sehen.« Nicht mal die japanische Regierung. Sie macht widersprüchliche Angaben über die Zukunft der Region Fukushima. Einmal erklärte der frühere Chefkabinettssekretär, die Region bleibe wohl sehr lange unbewohnbar, ein andermal lässt die Regierung verlauten, sie wolle die Zwanzig-Kilometer-Zone bald dekontaminieren und »Fukushima wiederauferstehen« lassen.
»Wir müssen jetzt zornig sein, wir müssen protestieren«
Geduld, Gelassenheit und Obrigkeitshörigkeit haben die Japaner stets ausgezeichnet. Seit Fukushima ist es damit vorbei. Fukushima hat aus stillen Duldern Wutbürger gemacht. Achtzig Prozent der Bürger erklärten sich in einer Umfrage für unzufrieden mit ihrer Regierung. Tausende gingen im Februar 2012 in Tokio auf die Straße und forderten die sofortige Abkehr von der Atompolitik. Fünf Millionen Unterschriften für den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie nach dem Modell Deutschland sammelte eine Initiative unter Führung des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe. »Wir müssen jetzt zornig sein, wir müssen protestieren«, sagt die 71-jährige Toshiko Shiyoa und beklagt, dass in Japan noch keine so gut organisierte Protestbewegung wie in Deutschland existiert. Yukie Osa will deswegen Mitte März, wenn sie in Freiburg die Zentrale ihres Partners Caritas besucht, auch Gespräche mit Vertretern der Anti-Atomkraftbewegung führen, um zu sehen, wie diese strukturiert ist und was davon eventuell in Japan umgesetzt werden kann.
Transparenz ist hier weiter ein Fremdwort
Tatsächlich ist die Situation der Menschen von Fukushima enorm bedrückend. Kinder dürfen vielerorts nicht mehr im Freien spielen, um sich nicht mit radioaktivem Material zu kontaminieren. Die Menschen meiden regionale Produkte wie die Pest. »Ich weiß nicht, wie sehr ich den Messungen der Lebensmittel trauen kann«, sagt Hukaja, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Sukagawa, einer Stadt, 26 Kilometer von Fukushima entfernt. »Zwar werden die Lebensmittel kontrolliert, aber seltsamerweise werden die Messwerte nicht kommuniziert. Es wird nur lapidar erklärt, das Essen sei genießbar, weil noch innerhalb der gesetzten Grenzwerte.«
In den Notunterkünften leben vorwiegend alte Menschen. »Die meisten Alten bleiben, weil sie sich nicht mehr auf ein neues Leben umstellen wollen«, berichtet Natsuho Shoji, eine Mitarbeiterin Yukie Osas. »Doch junge Menschen ziehen weg, wenn sie nur irgendwie die Möglichkeit haben.« So ist es nicht verwunderlich, dass an manchen Orten die Kindergärten geschlossen werden; der Schulbesuch im Raum Soma und Minami-Soma ging um mehr als die Hälfte zurück. Die Einwohnerzahl der Stadt Yamamoto - als nur ein Beispiel von vielen - ist um 25 Prozent gesunken. Junge Frauen haben Angst, keine gesunden Kinder mehr bekommen zu können. Viele haben, zumindest temporär, mit ihren Kindern die Männer verlassen und ziehen zu Verwandten in den Süden des Landes. »So führt Fukushima auch zu Familientrennungen und großen sozialen Spannungen«, sagt Natsuho.
Neben dem Wiederaufbau von Einrichtungen für Alte und für Menschen mit Behinderung leisten die Hilfsorganisationen Caritas und AAR auch soziale und psychosoziale Arbeit für die Opfer von Fukushima. Dass diese Hilfe lange, vielleicht, wie Osa sagt, »eine ganze Generation lang«, nötig sein wird, dafür gibt es einen ganz einfachen Gradmesser: die Halbwertzeiten der radioaktiven Isotope.
