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Indiens brutale Götter

Der Prozess erregt weltweit Aufsehen: Seit gestern stehen in Indien die Vergewaltiger einer Studentin vor Gericht. Das Verfahren gibt erschreckende Einblicke in den Alltag eines aufstrebenden Schwellenlandes, in dem viele Männer die Frauen hassen, weil diese so erfolgreich sind
von Agnes Tandler vom 08.01.2013
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Neu Delhi, Indien: Junge Männer verlangen auf den Straßen "Gerechtigkeit" für die 23-jährige Studentin, die im Dezember 2012 von mehreren Männern in einem Bus vergewaltigt wurde und an den Folgen starb. Als gerecht empfinden viele Demonstranten die Todesstrafe für die Täter. Am 7. Januar 2013 begann der Prozess, der weltweit Aufmerksamkeit erregt. (Foto: pa/Jiti Chada)
Neu Delhi, Indien: Junge Männer verlangen auf den Straßen "Gerechtigkeit" für die 23-jährige Studentin, die im Dezember 2012 von mehreren Männern in einem Bus vergewaltigt wurde und an den Folgen starb. Als gerecht empfinden viele Demonstranten die Todesstrafe für die Täter. Am 7. Januar 2013 begann der Prozess, der weltweit Aufmerksamkeit erregt. (Foto: pa/Jiti Chada)

Eine Nacht in Neu-Delhi, eine junge Studentin, ein Bus und betrunkene Männer auf der Suche nach leichter Beute: So begann die grausame Geschichte, die ganz Indien immer noch in Wut versetzt. Die brutale Tat stellt Indiens bigotte Einstellung zu Frauen auf den Prüfstand und wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Seite von Indiens raschem wirtschaftlichen Aufstieg.

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Indiens Rekordwachstum hat im letzten Jahrzehnt zu einem enormen sozialen Wandel im Gandhi-Land geführt. Millionen Menschen haben ihre Dörfer verlassen, um in den Städten ihr Glück zu suchen. Besonders sichtbar wird der Wandel bei der Stellung der Frauen: Sie drängen an die Universitäten, sie arbeiten in Restaurants, Shopping-Malls und Callcentern. Sie kleiden sich modern und gehen ohne Aufsicht der Familie ins Kino oder einkaufen.

Doch ihre neue Freiheit trifft auf alte Normen, auf Widerstand und Gewalt. Beispiel Neu-Delhi: Die Hauptstadt platzt mit 16 Millionen Einwohnern aus allen Nähten. Auch deshalb gilt sie als eine der gefährlichsten Städte für Frauen. Hier, wo Männer vom Dorf mit streng konservativen Werten auf eine moderne, liberale Welt treffen, haben Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe im letzten Jahrzehnt stark zugenommen. Weil die Polizei kaum kooperiert und solche Taten nur selten bestraft werden, sind Frauen, die nachts auf der Straße unterwegs sind, Freiwild.

»Eva ärgern« heißt der niedliche Ausdruck für sexuelle Gewalt

»Indien ist in einer Grauzone, wo die traditionellen sozialen Normen ihren Klang verloren haben, während moderne Werte, die auf der Freiheit des Individuums beruhen, noch keine Anerkennung finden«, schreibt die Wirtschaftszeitung Mint.

Sexuelle Übergriffe werden gerne als »Eva ärgern« verharmlost; die Schuld wird meist bei den Frauen gesucht. Als die Zeitschrift Tehelka vor ein paar Monaten dreißig hochrangige Polizisten im Großraum Neu-Delhi nach ihrer Meinung zu Vergewaltigungen befragte, deuteten fast alle Beamten an, dass es sich dabei in Wirklichkeit zumeist um eine einvernehmliche Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau handele. Viele Ordnungshüter geißelten Alkoholgenuss, Club-Besuche, Make-up und provokative Kleidung von jungen Frauen als Ursache für sexuelle Gewalt.

Wer eine Vergewaltigung anzeigt, muss damit rechnen, einem »medizinischen« Test unterzogen zu werden, der anhand der Elastizität der Vagina »feststellt«, ob die Frau vor der Tat noch Jungfrau war. Nur in ganz seltenen Fällen wird der Täter verurteilt. Indiens oft korrupte Justiz macht es Männern leicht, gegen Geld ein Verfahren gegen sie einstellen zu lassen. Die Mehrzahl der indischen Frauen zeigt daher eine Vergewaltigung gar nicht erst an.

Indiens Geschlechterverteilung ist eine der extremsten der Welt

Indien hat mächtige Politikerinnen hervorgebracht wie Sonia Gandhi, die Chefin der Kongress-Partei oder deren verstorbene Schwiegermutter, Indira Gandhi, einer der ersten weiblichen Regierungschefs. Es hat Unternehmerinnen, Schriftstellerinnen, Nobelpreisträgerinnen und Pilotinnen. Doch all dies steht in Kontrast zu einem Indien, das Frauen hasst und Männer wie kleine Götter verehrt. Weibliche Embryonen werden abgetrieben, Mädchen gleich nach der Geburt umgebracht. Die Geschlechterverteilung im Lande ist eine der extremsten der Welt. Mädchen, die erwachsen werden, drohen Mitgiftmord, Witwenverbrennung, »Ehrenmord« durch die Familie, Säure-Attentate und Zwangsverheiratung. Frauen in Indien sind schlechter ernährt als Männer, bekommen weniger ärztliche Behandlung. TrustLaw, ein amerikanischer Info-Dienst, stufte Indien als das schlechteste Land der Welt für Frauen ein – vor Afghanistan.

Die Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig: Kein Bollywood-Film kommt ohne Vergewaltigungsszene aus – während Leinwandküsse als Zeichen der Liebe zensiert werden. Und Sita, die weibliche Sagengestalt aus der »Ramayana«, dem wichtigsten hinduistischen Heldenepos des Landes, wird in ihrer Rolle als Opfer verehrt, das sich bereitwillig in die Flammen stürzt, um ihrem Ehemann ihre Keuschheit zu beweisen.

Doch die Massenproteste nach dem brutalen Verbrechen zeigen, dass sich die indische Gesellschaft durch die wirtschaftliche Entwicklung verändert hat. Mit ihrem Erfolg werden Frauen selbstbewusster und geben sich nicht mit der Opferrolle zufrieden. Die Unruhen der jüngsten Zeit werden nicht die letzten sein.

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Personalaudioinformationstext:   Agnes Tandler berichtet für den Evangelischen Pressedienst (epd) aus Indien, Pakistan und Afghanistan. Die Rechte der Frauen zählen zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit.
Schlagwörter: Frauenrechte Vergewaltigung
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