Ja zum bedingungslosen Grundeinkommen?
Eigentlich haben wir schon ein Grundeinkommen. Dass alle Menschen genug zum Leben haben sollen, darüber herrscht in Deutschland Konsens. Wenn es jemand nicht schafft, selbst für sich zu sorgen, gibt’s Geld vom Staat. Früher hieß das Sozialhilfe, heute Hartz IV. Nichts anderes besagt auch der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur dass die Idee dabei konsequent zuende gedacht wird.
Denn, Hand aufs Herz: Wer kann denn ganz allein für sich sorgen? Wir alle sind doch von anderen abhängig, zuerst von unseren Eltern, dann von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, einer guten Infrastruktur, der Arbeit und Zuwendung anderer. »Wir leben alle von Sozialhilfe«, bringt es die US-amerikanische Philosophin Martha Fineman auf den Punkt.
Das neue am bedingungslosen Grundeinkommen ist, dass es die Illusion vom autonomen Selbstversorger verabschiedet.
Im Vergleich zu diesem symbolischen Paradigmenwechsel wäre die Veränderung im Geldbeutel eher gering: Da auch die Wohlhabenden ein Grundeinkommen bekämen, müssten sie entsprechend mehr Steuern und Abgaben bezahlen ...
Es könnten Freiräume entstehen für ökonomische Experimente jenseits des Kapitalismus. Arbeit hat ja nicht nur mit Geldverdienen zu tun, sondern auch mit Sinn und Erfüllung, mit Gestaltungswillen, mit der Verwirklichung eigener Ideen für die Welt. Dass man bei der Wahl dessen, was man den ganzen Tag über tut, nicht ausschließlich ans Geld denken muss, ist ein Luxus, den sich heute nur Reiche und Gutverdienende leisten können ...
Feministische Ökonominnen weisen schon lange darauf hin, dass das Bruttosozialprodukt nur einen Teil des wirtschaftlichen Geschehens abbildet. Der größte Teil der Arbeiten wird schon immer und auch heutzutage unentgeltlich geleistet, in Privathaushalten, im Ehrenamt, in Subsistenzarbeit zur Selbstversorgung. Da es immer mehr Ältere und weniger Jüngere geben wird, dürfte der Bedarf an Care-Arbeit steigen ...
Der kapitalistische Markt ist immer weniger in der Lage, die Bezahlung dieser gesellschaftlich notwendigen Arbeiten überhaupt sicherzustellen ... Für das Marktversagen im Bereich Care-Arbeit ist derzeit weit und breit keine Abhilfe in Sicht ...
Aber nicht nur für die, die keinen Erwerbsarbeitsplatz haben oder keinen haben wollen, würden sich neue Optionen erschließen. Auch die Erwerbstätigen hätten mehr Möglichkeiten. Mit dem Wissen, dass sie im Zweifelsfall ein Grundeinkommen hätten, könnten sie besser mit ihren Arbeitgebern verhandeln. Sie wären nicht mehr gezwungen, jegliche Zumutungen und Ansprüche hinzunehmen ...
Offensichtlich ist Deutschland reich genug, um die materielle Existenz aller Menschen, die hier leben, sicherzustellen. Die eigentliche Frage ist, ob wir das wirklich wollen: den Sinn des Menschseins vom Zwang zum Geldverdienen lösen? Wollen wir uns vom Idealbild des autonomen Selbstversorgers trennen und unsere gegenseitige Abhängigkeit eingestehen, auch materiell? Wollen wir unsere Vorstellung von Ökonomie breiter fassen als den geldvermittelten Markt? Wenn wir das wirklich wollen, findet sich ein Weg.
