Kein Asyl für US-Deserteur
»Es gibt Momente von meiner Zeit im Irak, die haben sich mir in die Seele eingebrannt. Der Blick aus dem Hubschrauber auf die komplett zerstörten Städte. Die Iraker, auf deren Gesichtern überhaupt keine Freude über unsere »Hilfe« zu sehen war. Oder der Moment, in dem uns mitgeteilt wurde, dass es gar keine Massenvernichtungswaffen im Irak gibt. Da wurde es totenstill in den Reihen der Soldaten. Und auf allen Gesichtern war zu lesen: »Warum sind wir dann hier?«
Als ich damals in die Armee eingetreten bin, dachte ich, das sei eine gute Sache. Das Militär ist bei uns in den USA eine Art Ersatzreligion, glorreich und glamourös. Ich war zu der Zeit obdachlos und dachte, ein Job dort würde mir helfen, wieder Fuß zu fassen im Leben, auf eigenen Beinen zu stehen, Geld zu verdienen. Dann kam ich in den Irak, im Herbst 2004 war das. Als Wartungstechniker habe ich mich um die Apache-Hubschrauber gekümmert. Ich habe gesehen, wie »meine« Hubschrauber mit Bomben beladen losgeflogen sind und ohne wieder zurückkamen. Ich habe die Verwüstung gesehen, die wir hinterlassen haben. Und ich bin Irakern begegnet. Wir kannten uns nicht, aber ich war froh, dass ich eine Waffe bei mir trug. Dieser Hass. Diese Angst. Zwischen Menschen, die sich persönlich eigentlich gar nichts Böses wollen. Da kamen die Zweifel. Sie haben mich nicht mehr losgelassen, waren immer da, Tag und Nacht.
Was machen wir eigentlich hier im Irak? Erst nach und nach habe ich begonnen, mich zu informieren. Auf einmal bekam ich mit, wie Iraker gefoltert wurden – von unseren Männern. Das ist unmöglich, dachte ich mir, wir sind doch Amerikaner. Das kann doch gar nicht sein! Es hat mich bis ins Mark getroffen, zu erkennen, was Amerika anrichtet. Es tut mir immer noch weh. Wir hatten kein Recht, in diesem Land zu sein.
Als meine Einheit in Bayern stationiert war, bin ich abgehauen. Wenn ich irgendwann mal Kinder habe und die mich fragen: Daddy, warum hast du das mitgemacht? Warum hast du zugesehen? – Was würde ich antworten? Also bin ich untergetaucht, zunächst bei Freunden in Bayern. Schließlich habe ich einen Asylantrag gestellt. Das war 2008. In einer Flüchtlingsunterkunft habe ich zusammen mit Irakern gelebt, Probleme gab es da keine.
Aber 2011 wurde mein Asylantrag abgelehnt. Dagegen habe ich geklagt. Das Verwaltungsgericht München hat meinen Fall dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt. Dessen Urteil ist offen, in einigen Punkten spricht es für mich, in anderen gegen mich. Nun muss das Verwaltungsgericht München auf dieser Grundlage meinen Fall endgültig entscheiden. Ich weiß, dass das eine politische Zeitbombe ist. Es geht ja nicht nur um mich. Sondern auch darum, einzugestehen, was für einen riesigen Fehler die USA und ihre Verbündeten im Irak begangen haben.
Ich bin ganz schön nervös. Denn wenn mein Asylantrag abgelehnt werden sollte, werde ich ausgewiesen. In den USA droht mir sogar die Erschießung, aber so weit werden sie wohl nicht gehen. Ein paar Jahre im Knast sind mir dann allerdings sicher. Das Problem ist: Danach findest du keinen Job, kein Haus, nichts. Als Deserteur kriegst du nicht mal einen Kredit. Alle sehen dich als Verräter an, du hast einfach keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Ich wäre verloren. Aber noch bin ich zuversichtlich. Es wird schon klappen.
Meine Familie vermisse ich sehr. Seit 13 Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen. Mein größter Traum ist es, dass sie mich hier besuchen kommen können. Meine Mutter würde so gerne einmal reisen, aber meine Familie hat nicht viel Geld. Ich bin froh, dass ich hier in Deutschland nun als Computer-Spezialist arbeite und damit etwas verdiene.
Zu der Aufregung um das Gerichtsurteil kommt noch der Scheidungsprozess hinzu, in dem ich gerade stecke. Vor ein paar Jahren habe ich eine Deutsche geheiratet. Würden wir zusammenbleiben, könnte ich auf jeden Fall hierbleiben. Aber es geht nicht mehr zwischen uns. Und ich will sie nicht ausnutzen, nur um bleiben zu können.
Ich bin Deutschland sehr dankbar, ich will mich hier komplett integrieren, noch besser Deutsch lernen, will hier leben. Ob ich das darf, hängt nun von dem Urteil in München ab. So oder so: Ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich kann nachts ruhig schlafen. Und ich würde es sofort wieder tun.«
