Klimakonferenz in Durban: Keiner will nachgeben
Die Klimaaussichten sind schlecht, und sie werden durch Wegschauen nicht besser: Der Ausstoß von Treibhausgasen ist 2010 so stark gestiegen - um sechs Prozent - wie noch nie zuvor, verkündeten US-Forscher und die Internationale Energieagentur Anfang November. Vor allem das kohlebefeuerte Wirtschaftswachstum in China und Indien trägt dazu bei, dass die Realität schlimmer ist als die pessimistischsten Szenarien des UN-Klimarats IPCC. Global rechnet der Rat vor, dass größere Hitze, heftigere Niederschläge und Überflutungen durch den Klimawandel zunehmen und immer mehr Menschen unter extremen Wetterlagen leiden werden, wenn alles so weitergeht wie bisher.
Wenige erwarten Durchbruch
Dies sind eigentlich gute Gründe dafür, dass die 17. UN-Klimakonferenz, die bis zum 9. Dezember im südafrikanischen Küstenort Durban währt, zu handfesten Ergebnissen führen müsste. Doch an einen Durchbruch glauben nicht viele Beobachter. Zu stark sind die verschiedenen Interessen aus Wirtschaft, Außenpolitik und Ökologie mit innerstaatlichen und internationalen Machtfragen verflochten.
Auch wenn die Konferenz von Cancun im letzten Jahr die totale Blockade des gescheiterten Kopenhagengipfels von 2009 aufbrechen konnte und die Verhandlungen wieder in Gang setzte - nach wie vor belauern sich die Supermächte China und die USA, wer sich als Erster verpflichtet, die Emissionen zu drosseln.
Europa schlecht vertreten?
Die Europäer wären gerne Vorreiter. Sie werden aber in Durban mit Polen von einem Land vertreten, das in der Europäischen Union bisher jeden Klimaschutz blockiert. Niemand weiß zudem, welchen Kurs die Länder der »Arabellion« wie Ägypten oder das Ölland Libyen fahren werden. Die Lateinamerikaner unter Führung des antikapitalistischen Boliviens von Evo Morales sind immer für eine Blockade gut, wenn Vorschläge aus ihrer Sicht nicht weit genug gehen.
Und selbst wenn sich einmal alle einig sind, klemmt es: Ende Oktober legten die USA und Saudi-Arabien bei einem Vortreffen ihr Veto gegen einen Beschluss zum »grünen Klimafonds« ein. Gegen den Fonds, der es armen Staaten ermöglicht hätte, schnell an Hilfsgelder zu kommen, haben die USA eigentlich nichts, heißt es aus Verhandlungskreisen. Sie wollen sich allerdings ihr Ja dazu bei der Konferenz mit Zugeständnissen anderer erkaufen.
Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus
Dieses Feilschen wie auf dem Basar hat die Klimaverhandlungen der letzten Jahre geprägt. Jetzt kommen sie an einen vorläufigen Endpunkt: Denn Ende 2012 laufen die Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll aus. Ob und wie es dann mit dem globalen Klimaschutz weitergeht, ist offen.
Dabei ist das Kyoto-Protokoll weitaus erfolgreicher, als sein schlechtes Image denken lässt: 1997 verpflichteten sich die Industriestaaten zum ersten Mal, ihre Emissionen bis 2010 um etwa fünf Prozent gegenüber 1990 zu senken. Dieses Ziel werden sie erreichen, hat die staatliche niederländische Umweltagentur PBL errechnet. Sie werden sogar bei minus elf Prozent landen.
EU bläst vergleichsweise wenig in die Luft
Eine gute Nachricht, die allerdings nicht viel nützt: Weltweit sind die Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2008 um fast vierzig Prozent gestiegen. Die meisten kommen aus Ländern, für die Kyoto nicht gilt: aus den USA und den Schwellenländern China, Indien, Indonesien oder Brasilien. »Die Europäische Union zeichnet heute nur noch für elf Prozent der globalen Emissionen verantwortlich«, sagt Klimakommissarin Connie Heedegard.
Suche nach dem Notausgang
Nun suchen die Regierungen in Durban nach einem Notausgang: sei es durch den »Grünen Klimafonds« für arme Länder und technologische Hilfe aus dem Norden; sei es durch das Versprechen, bis 2015 einen umfassenden Vertrag zu schließen, der alle Staaten bindet; oder sei es durch »das Wachstum grüner Technologien«, von dem der ehemalige oberste UN-Klimaunterhändler Yvo de Boer schwärmt, der inzwischen für die Unternehmensberatung KPMG arbeitet. Niemand weiß, ob der Notausgang gefunden wird.
Schwellenländer im Umweltschutz aktiv
Insgesamt bläst die Menschheit jährlich etwa 37 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft - fünf Milliarden zu viel, um die Erwärmung bis 2100 auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Diese Grenze wurde bei vergangenen Klimagipfeln festgelegt. Dabei sitzen die eifrigsten Klimaschützer nicht in den Industrieländern, die die grüne Rhetorik so gut beherrschen, sondern in den Schwellenländern, fand eine Studie des Stockholm Environment Institute heraus: »Die Vorschläge der Schwellenländer vom Kopenhagen-Gipfel zusammen ergeben Emissionsreduzierungen, die über den Zusagen der Industrieländer liegen«, heißt es in der breit angelegten Untersuchung.
Diese Beobachtung bestätigen auch Insider wie die deutsche Delegationsleiterin Nicole Wilke: »Die Schwellenländer tun sehr viel und sind sehr selbstbewusst.« China plant einen Emissionshandel, diskutiert über eine Kohlendioxid-Obergrenze und hat konventionelle Glühbirnen verboten.
Neues Abkommen bis 2015?
Einen Erfolg für Durban sähen viele Unterhändler schon darin, wenn die Kyoto-Staaten sich mit den Entwicklungsländern einigten, dass die Industrieländer nach 2012 mit dem Klimaschutz weitermachen und die Schwellenländer demnächst damit anfangen. Der »Klimafonds« könnte auf den Weg gebracht werden ebenso wie Regeln über einen Transfer von Know-how von Nord nach Süd. Und ganz Optimistische hoffen, dass man sich darauf einigen könnte, bis 2015 ein umfassendes Klimaschutz-Abkommen zu verhandeln. Durban wäre kein schlechter Platz für eine solche Einigung: Nach allen Prognosen über den Klimawandel soll das südliche Afrika von Überschwemmungen, Wassermangel und Missernten besonders bedroht sein.
