Klimakonferenz: Mut zur Lücke
Elf Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2): So groß ist derzeit der Unterschied zwischen dem, was die UN-Staaten beim Klimaschutz versprechen und dem, was sie für diese Ziele tun. Denn um diese elf Milliarden Tonnen – die etwa zwölf Mal dem CO2-Ausstoß Deutschlands entsprechen – liegen die weltweiten Emissionen voraussichtlich im Jahr 2030 zu hoch, um die Erwärmung der Erde auf über zwei Grad Celsius zu verhindern. Dieses Fazit zieht die Unep, die Umweltorganisation der UNO, in ihrem aktuellen Emissions Gap Report. Unep-Chef Erik Solheim interpretierte die trockene Statistik so: »Wir tun bei weitem nicht genug, um unsere Ziele zu erreichen.«
In Paris hatten sich im Dezember 2015 fast 200 Staaten darauf geeinigt, den Klimawandel bis 2100 auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und ihn am besten bei 1,5 Grad zu stoppen. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, ist das zentrale Thema auf der diesjährigen Klimakonferenz, die vom 6.bis 17.November in Bonn stattfindet. Offizieller Gastgeber der Konferenz ist der Inselstaat Fidschi. Ort der Konferenz sind aber nicht die sonnigen Pazifikinseln, sondern die nieselig-nebligen Rheinauen. Denn weil der Ansturm von 23000 Besuchern und 1500 Journalisten für Fidschi zu viel war, richtet Bonn als Sitz des UN-Klimasekretariats die jährliche Massenveranstaltung mit dem offiziellen Namen COP23 aus.
Die entscheidenden Fragen
Bonn wird eigentlich eine »technische Konferenz«. Im Gegensatz zu den »politischen COPs« werden keine grundlegenden Weichenstellungen nach tagelangem dramatischen Verhandlungsgezerre wie in Paris 2015 oder Kopenhagen 2009 erwartet. Auf dem Programm stehen aber wichtige Details: Wie sollen die Staaten über ihre freiwilligen nationalen Klimapläne (im UN-Jargon NDC) Rechenschaft ablegen, die ab 2020 gelten? Wie transparent müssen sie sein, was dürfen sie sich als Klimaschutz überhaupt anrechnen lassen? Wie soll dieses »Regelbuch« aussehen, das in einem Jahr bei der nächsten Konferenz im polnischen Kattowitz verabschiedet werden soll? »Bonn wird der bisher größte Test für die Entschlossenheit der Staaten, das Pariser Abkommen umzusetzen«, warnt der Umweltverband WWF.
Wichtig bleiben auch die Dauerbrenner der Klimaverhandlungen: Wie helfen die Industrienationen den Armen der Welt, sich an den Klimawandel anzupassen? Wie sollen die 100 Milliarden Dollar jährlich zusammenkommen, die ab 2020 versprochen sind? Die Länder wollen die besondere Bedeutung der Wälder und Ozeane als CO2-Speicher betonen. Und pünktlich zur Konferenz haben Klimawissenschaftler aus Norwegen und Großbritannien einen brisanten Vorschlag gemacht: Einzelne Klimaschäden etwa nach Hochwassern könnten nach ihren Forschungen teilweise manchen Staaten zugerechnet werden – die Tür wäre offen für Schadensersatzklagen von Opfern des Klimawandels gegen die »Täter« in den Industrieländern.
Einigen Raum wird auch der Kampf um »Verlust und Entschädigung« einnehmen. Fidschi als erster Inselstaat auf dem Präsidentensessel einer COP will vor allem die besonders verwundbaren Bevölkerungen in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Nach einer Vorkonferenz in seinem Land sagte Fidschis Premierminister Frank Bainimarama im Oktober: »Seit Sie auf Fidschi waren, werden viele von Ihnen nun besser verstehen, was hier passiert und wie verwundbar wir sind.«
Ein Mittel dagegen sind »Klimaversicherungen«, mit denen Millionen Menschen gegen Schäden aus Dürren, Überflutungen und Stürmen abgesichert werden sollen. Zusammen mit Hilfsgeldern aus den reichen Staaten arbeiten Versicherungskonzerne wie die Munich Re an diesen Absicherungen.
Starke Initiative »We are still in« aus den USA
Bonn wird eine Konferenz der Lücken werden. Es geht nicht nur um den Unterschied zwischen den Klimaplänen und der Realität. Der UN-Klimarat IPCC rechnet derzeit auch noch an einem umfangreichen Bericht darüber, wie sehr die Welt noch von dem viel ehrgeizigeren Ziel entfernt ist, den Klimawandel auf 1,5 Grad zu begrenzen – etwa ein Grad sind weltweit schon erreicht. Und es geht natürlich um die Lücke, die der historisch größte Verursacher des Klimawandels, die USA, hinterlässt, wenn er in drei Jahren aus dem Pariser Abkommen aussteigt, wie es US-Präsident Donald Trump angekündigt hat.
In Bonn will die Initiative »We are still in« diese klaffende Lücke zwischen Verantwortung und Verantwortungslosigkeit der US-Regierung zumindest teilweise schließen. Etwa 2500 Bürgermeister, Gouverneure, Unternehmenschefs und Uni-Präsidenten wollen »zusammenarbeiten, um zu zeigen, dass die USA ein starker Anführer bei der Reduktion von Klimagasen bleibt.« Die Initiative, die 130 Millionen US-Bürger und über 6 Billionen US-Dollar an Unternehmenskapital repräsentiert, wird in Bonn groß vertreten sein – ganz im Gegensatz zur offiziellen US-Delegation.
