Mein Vorsatz für’s neue Jahr
Vor einigen Jahren habe ich aufgehört, gute Vorsätze für’s neue Jahr zu schmieden. Was stand nicht schon alles auf meiner Liste! Mehr Sport treiben, regelmäßig Arabisch-Vokabeln pauken, weniger Zeit am Computer verbringen. Das meiste habe ich letzten Endes doch nicht eingehalten, also beschloss ich, es gleich ganz zu lassen mit den guten Vorsätzen. Dieses Jahr ist das anders. Ich habe einen guten Vorsatz gefasst. Einen einzigen. Der lautet: Für die Demokratie einstehen.
Und weil ich den an dieser Stelle mit Ihnen teile, weil jetzt die Leserinnen und Leser von Publik-Forum.de davon wissen und mich das ein bisschen unter Druck setzt, hoffe ich, dass ich ihn auch einhalte.
Ich gehöre zur Generation Facebook
Ich bin 29 Jahre alt und gehöre somit zur Generation Facebook. Dort tummeln sich Freunde und Bekannte, von denen die meisten so ticken wie ich. Gemeinsam empören wir uns in Kommentaren über Rassismus und teilen unsere Fassungslosigkeit angesichts des Brexits und der Wahl von Donald Trump. Es fühlt sich schön heimelig an in dieser Blase. Es nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, mit einem Klick die eigene Position zu offenbaren, sich für die Demokratie auszusprechen und gegen Fanatiker. Schnell ein »like«, dann kann man wieder zur Tagesordnung übergehen – und hat trotzdem das Gefühl, sich irgendwie politisch positioniert zu haben.
Lange Zeit ging das gut. Aber die Welt hat sich geändert. In ganz Europa gewinnen Populisten massiv an Stimmen, in Deutschland brennen Flüchtlingsheime, die EU scheint wie gelähmt, der Terror rückt näher – und plötzlich habe ich Angst um unsere Demokratie. Die scheinbare Gewissheit, dass wir in einer offenen und demokratischen Gesellschaft leben, die so leicht nicht ins Wanken gerät, hat Risse bekommen. Mich befällt eine leise Vorahnung, dass wir uns vielleicht zu sicher gefühlt haben, dass die Demokratie etwas sehr Fragiles ist, das schneller zerbrechen kann, als wir immer geglaubt haben.
Eine spontane Demonstration in Frankfurt
Wenige Tage nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt saß ich an einem Mittwochnachmittag in der Redaktion, als eine E-Mail in meinem Posteingang aufblinkte. »Wir wissen nicht, warum es zu dieser schrecklichen Tat kam, aber wir wissen, dass sie Hass und Misstrauen säen und uns als Menschen, als Gesellschaft, auseinandertreiben soll. Unseren Hass bekommt ihr nicht. Wir stehen zusammen. Für eine offene, vielfältige Gesellschaft. Für die Liebe, für echten Zusammenhalt«, las ich. Initiiert war das Ganze von der Bloggerin und Feministin Emine Aslan und von der 26-jährigen Studentin und angehenden Sozialarbeiterin Nabila Bushra. Weiter stand da: »Mahnwache und Demo am Mittwoch um 18 Uhr, Frankfurt, Brockhaus-Brunnen auf der Zeil.« Ich sah auf die Uhr – es war kurz vor 16 Uhr.
Wie oft hatte ich mir nicht schon vorgenommen, endlich mal an einer Demonstration teilzunehmen. Aber es war immer etwas dazwischengekommen. Ich war mit einer Freundin zum Kaffee verabredet, sehnte mich nach einem ruhigen Abend zu Hause oder es regnete. Irgendwas war immer.
Auch an diesem Mittwoch kurz vor Weihnachten wollte ich eigentlich lieber zu meinem Sportkurs. Doch dann schoss es mir durch den Kopf: Wenn dieses Land im Chaos versinkt, wenn Hass und Gewalt zunehmen, wenn es gar zu einem neuen Krieg kommt – was hast du dann von deinem Sportkurs? Ist es nicht längst an der Zeit, dass ich mich endlich einsetze für Toleranz und Vielfalt, für Demokratie und ein Zusammenstehen, als zu erwarten, dass das andere tun? Wer kann schon garantieren, dass am Ende alles gut wird, wenn die überzeugten Demokraten, die glühenden Europäer, zu Hause bleiben und die Straßen den Populisten überlassen?
Wer macht mit am 15. Januar?
Ich ging hin. Unter den circa sechzig Leuten, die sich so spontan versammelt hatten, waren viele junge Menschen, übrigens viele mit Kopftuch. Wir standen da mit Plakaten und Kerzen. Lächeln flogen hin- und her. Es gab kurze Reden, eine Schweigeminute für die Opfer von Berlin. Dann wurde gesungen – auf arabisch und auf hebräisch. Es war so kalt, dass ich bald schon meine Füße nicht mehr spürte. Aber es tat gut, dort zu sein. Zusammenhalt zu spüren. Zeichen zu setzen.
Nun war das freilich kein heroischer Akt. Und überhaupt: Bringt das denn wirklich mehr als ein Klick im Netz? Klar, durch meine Anwesenheit auf einer Demo wird die Demokratie nicht gerettet. Natürlich nicht! Aber wenn wir alle hingehen zu solchen Veranstaltungen, dann schon.
Ich denke mit den guten Vorsätzen ist es wie beim Sporttreiben: Wenn man sie sich zusammen vornimmt, wenn man eine Freundin bittet: »Lass uns jeden Dienstagabend gemeinsam joggen gehen«, ist die Chance sehr viel größer, dass man das auch tut. Denn dann hat man jemanden, der einen mitzieht. Und den man selbst mitzieht. Am 15. Januar steht in Frankfurt wieder eine Demo an, für den Erhalt eines demokratischen und rechtsstaatlichen Europas, organisiert von der neuen Bürger-Initiative Pulse of Europe. Ich werde da sein. Wer macht mit?
