»Mich reizt das Fremde«
Herr Stieldorf, was werden Sie an Ihrem ersten Tag im Bundestag auf keinen Fall tun?
Linus Stieldorf: Mir vornehmen, keinesfalls zu viel in Berlin zu sein. Das klingt jetzt komisch, aber was mich an Direktkandidaten oft stört, ist, dass die zu viel in Berlin sind. Natürlich, ich war ja auch schon dort als Praktikant im Bundestag, ich weiß um die Pflichtabläufe. Aber ich finde es sehr, sehr wichtig, den Kontakt zum Wahlkreis nicht zu verlieren, damit man nicht fremd wird und vor Ort bleibt. Man muss gerade als Direktkandidat alles daran geben, vor Ort bei den Menschen zu sein.
Was hat Sie in die Politik getrieben?
Stieldorf: Ich bin, seitdem ich 14 Jahre bin, Parteimitglied der Jungen Liberalen und seit ich 16 bin FDP-Mitglied. Da habe ich meine Leidenschaft für die Politik entdeckt! Also, es macht mir großen Spaß, neue Menschen kennenzulernen und auch neue Aufgaben zu übernehmen. Bei der Kandidatur war es nicht so, dass ich gesagt habe, ich will kandidieren. Es hat sich ergeben. Wir fanden die Botschaft, einen jungen Kandidaten nach vorn zu stellen, sehr gut. Wir haben gesagt, wir wollen etwas gegen Politikverdrossenheit tun, wir wollen zeigen, dass junge Leute etwas bewegen können. Gerade Jugendliche meinen ja oft: Was kann ich schon als 18-Jähriger machen? Gerade durch meine Kandidatur soll deutlich werden: Man kann etwas bewegen, kann nach vorn gehen und sagen, so geht es nicht weiter.
Mit der Verschuldung beispielsweise. Es gibt nichts Brutaleres als Schulden. Wenn man sich die anderen Länder anschaut, dann leidet die jüngere Generation als erste darunter! Natürlich stehen wir noch relativ gut da, im Unterschied zu Griechenland, Spanien oder Italien etwa. Aber wenn wir uns die eigenen Schulden von zwei Billionen Euro anschauen, dann überlegt man schon: Wo hört das auf? Da sage ich, gerade mit meinen jungen Jahren, da muss sich was ändern, noch haben wir den Spielraum. Und natürlich will ich auch Jugendpolitik machen. Politiker sollten auf Jugendliche zugehen: mit einer einfachen Sprache und nachvollziehbaren Entscheidungen. Das fehlt!
Falls Sie nicht gewählt werden, wie lautet ihr Plan B?
Stieldorf:Dann studiere ich in Bochum Politik und Wirtschaft Ostasiens. Ich bin ein China-Fan. Mich reizt das Fremde. Was wissen wir über dieses Land wirklich? Ich lebe nach dem Motto: Verurteile nie etwas, wenn du die Hintergründe nicht kennst. Und das stört mich bei dem Thema China. Es wurde da sehr viel verurteilt, ohne wirklich die Hintergründe zu kennen. Warum handeln die Menschen dort so? Das will ich wirklich wissen!
Ohne wen oder was an Ihrer Seite könnten sie den Wahlkampf nicht überstehen?
Stieldorf: Ohne meine Familie, die mir Halt gibt, ginge das nicht, auch nicht ohne die Freunde, mit denen ich über alles reden kann. Ich möchte besonders meine Mutter nennen – meine Eltern leben getrennt. Ich hole mir oft bei ihr, meinen Freunden oder meiner Freundin Rat. Wie auch bei den Jungen Liberalen, von denen einige richtig gute Freunde sind. Da ist es einfach gut, wenn es keinen bösen Kommentar gibt und von denen Unterstützung kommt.
Haben Sie bestimmte Tagesrituale, auf die Sie nicht verzichten können?
Stieldorf: Eine gemeinsame Mahlzeit mit anderen am Tag. Das kann morgens, mittags oder abends sein. Mit irgendwem. Weil ich ein kommunikativer Mensch bin, brauche ich das einmal am Tag. Damit man nicht als Eremit lebt! Meine Familie hat es immer geschafft, eine gemeinsame Mahlzeit am Tag zu haben. Das will ich mein Leben lang beibehalten.
Haben Sie ein politisches Vorbild?
Stieldorf:Nicht direkt. Aber den Gründer vom Otto-Versand, Werner Otto, bewundere ich. Der ist dafür bekannt, dass er nicht der kalte Unternehmer war. Er hat es immer wieder geschafft, soziale Aspekte in seiner Arbeit hochzuhalten. Beispielsweise bereiste er seine Unternehmen in China, um zu sehen, wie da die Arbeitsverhältnisse sind. Dieser Mensch ist in dem Sinne ein Vorbild, weil er gezeigt hat, dass Wirtschaft nicht immer so kalt ist, wie sie dargestellt wird. Es stimmt eben nicht, dass jeder Unternehmer nur wirtschaftet, um Geld in die eigene Tasche zu kriegen. Er hat es geschafft, dieses andere, gute Bild unter die Menschen zu bringen. Darum ist er ein Vorbild für den Slogan: »Tu Gutes und sprich darüber!«
Woran glauben Sie?
Stieldorf:An Gott. Und was damit verbunden ist: Ich glaube an das Gute im Menschen. Ältere halten mir da entgegen, das glaube ich nur, weil ich noch jung bin. Aber ich hoffe, dass ich diese junge Seite mein Leben lang beibehalten kann. Wenn man an das Gute im Menschen glaubt, kann man viel mehr erreichen, als wenn man an das Schlechte glaubt. Lieber werde ich da zehn Mal enttäuscht als zwanzig Mal das Schlechte zu denken. Da denke ich lieber positiv. Außerdem bin ich überzeugt: Der Glaube an Gott hilft dabei. Er gibt Kraft, bewahrt ein christliches Gewissen und hilft diesen Nachhaltigkeitsaspekt – dass man zuerst an seine Mitmenschen denkt – nach vorne zu tragen.
Sind Sie noch Politiker, wenn Sie 40 sind?
Stieldorf:Mein Gott, ich bin 18! Wo das Leben mich hinträgt, das kann ich nicht sagen. Politisch werde ich bestimmt noch sein mit 40. Aber ich bin nicht der Mensch, der immer im Bundestag sitzen will.
