Mordaufruf: Abdel-Samad untergetaucht
»Mein Text kommt einen Tag früher als geplant, da ich morgen nach Kairo fliege... Beste Grüße, Hamed Abdel-Samad.« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Politologe und Publizist in einer E-Mail vom 27. Mai 2013 vor seiner Abreise nach Ägypten bei uns in der Redaktion. Er hatte einen Text geschrieben, um den wir ihn gebeten hatten: Er sollte berichten, wie es um die Zukunft der Deutschen Islamkonferenz bestellt sei, deren Mitglied er ist.
Hamed Abdel-Samad schrieb den Text – klar, meinungsstark und scharf analysierend, wie wir es von ihm gewohnt sind. Als Mitglied der Islamkonferenz des Innenministers lobt er in dem Artikel (Publik-Forum, 11/2013, erscheint am Freitag, 14. Juni) deren Errungenschaften. Diese Konferenz suche auf staatlicher Ebene Lösungen für akute Probleme: »Dabei geht es um die Ausbildung von Imamen, um islamischen Religionsunterricht und um die Abwehr von religiös fundiertem Extremismus.« Doch er sieht auch, wo die Wirkung der Konferenz begrenzt ist: Sowohl staatliche Vertreter wie Vertreter der Islamverbände seien »an eine diplomatische Sprache gebunden«. Sie müssten »Rücksicht nehmen auf bundespolitische Gegebenheiten wie auf das jeweilige Klientel der Verbände«. Ganz anders sei da die Kritische Islamkonferenz dran, der er auch angehöre: »Hier werden kritische Themen offen diskutiert.«
So offen, dass man dort auf den Politologen, der mehrere Sprachen spricht und schon in vielen Ländern gearbeitet hat, großen Wert legt. Er ist ein Vordenker – nicht nur eines europäischen Islams, sondern auch eines neuen Verhältnisses von Staat und Religionen hierzulande. Abdel-Samad schreibt in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum: »Die Debatte um den Islam in Deutschland wäre sinnlos, wenn dadurch nicht auch die Beziehung des Staates zu den christlichen Kirchen neu verhandelt würde. Die Lösung kann nicht sein, dass die muslimischen Gemeinden die gleichen Privilegien wie die Kirchen bekommen, sondern dass die Kirchen auf einige Privilegien verzichten, Es ist nicht religionsfeindlich, sondern religionsfreundlich zu verlangen, dass die Religionen sich aus Bereichen zurückziehen, die ideologische Neutralität erfordern – wie etwa Bildung, Medien, Gesetzgebung und Gesundheit. Nur so kann der Staat die gleiche Distanz zu allen seinen Bürgern und Interessengruppen wahren.«
Der Wunsch, die deutsche Gesellschaft möge den Religionen im öffentlichen Raum weniger Einfluss zubilligen, ihre politische und gesellschaftliche Macht beschneiden, ist im Falle Abdel-Samads geprägt von seinen Erfahrungen in einem anderen Land. In Ägypten geboren und aufgewachsen, erlebte er zuerst nah, dann aber schnell mit kritischer Distanz das Gebaren nicht weniger Scheichs und Imame, die den Islam als monopolistische Religion mit jedwedem politischen Einfluss durchsetzen wollten. Den Arabischen Frühling, der mit der Jahreswende 2010/2011 begann, unterstützte Abdel-Samad vehement. Endlich eine Freiheitsbewegung, die die ganze Welt wahrnahm! Dass das Ergebnis der Wahlsieg von Mohammed Mursi wurde, brachte ihn zur Verzweiflung.
Und nun, Ende Mai 2013: eine Vortragsreise nach Kairo. Hamed Abdel-Samad geht ein Thema an, das heiß ist und in dieser Region der Erde auf »heiße Religion« trifft, wie es im Jargon von Religionswissenschaftlern heißt: Er spricht über »religiösen Faschismus«. Abdel-Samad findet ihn wieder im Islamismus heutiger Tage, und das sagt er auch.
Sein Vortrag ist eine maximale Provokation für Menschen wie Scheich Assem Abdel-Maged, einen der Köpfe der militant-islamistischen Bewegung Dschamaa Islamiya. Im ägyptischen Fernsehen ruft er dazu auf, Abdel-Samad zu töten, denn er habe die Muslime, vor allem aber den Propheten Mohammed, aufs Schlimmste beleidigt. Abdel-Samad erklärt dazu: »Es geht speziell um meine Ausführungen in dem Vortrag dazu, dass sich der religiöse Faschismus im Islam nicht erst mit dem Aufstieg der Muslim-Bruderschaft ausgebreitet hat. Meiner Meinung nach ist er im Islam selbst begründet, nämlich als der Prophet Mohammed den Islam als Monokultur durchsetzte.«
Mit dieser grundlegenden Kritik wirft er auch in Deutschland, ganz fern von Ägypten also, heftige Diskussionen auf. Doch anders als im Ägypten dieser Tage kann Abdel-Samad in Deutschland auf Diskursoffenheit setzen. Hier kann er zum Beispiel auch offen seine kritische Haltung zum Religionsunterricht formulieren, braucht keine Angst zu haben, dass Vertreter christlicher Kirchen einen Bann über ihn verhängen – und das schätzt er.
Er lebe, so sagt Hamed Abdel-Samad, in einem Deutschland, in dem es zum Beispiel Islamkonferenzen gebe – und das sei etwas Wunderbares: »Hier sitzen Schiiten, Sunniten, Aleviten, junge und alte, konservative, liberale und islamkritische Muslime an einem Tisch und diskutieren. Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt.«
Sie wollen drei Ausgaben von Publik-Forum zum kostenlosen Probelesen? Bestellen Sie hier.
