Mut zum aufrechten Gang
Bürgerrechte waren das Sehnsuchtswort im DDR-Herbst 1989; aus der politischen Sehnsucht, die sich so lange schon in fernste Zeiten projiziert hatte, war plötzlich praktische Chance und konkrete Aufgabe geworden. Bürgerrechte verstanden meine Freunde und ich von Beginn an als unauflösbare Verbindung zwischen individuell-bürgerlichen und kollektiv-sozialen Rechten. Von Beginn an – bis heute. Es geht um Brot und Freiheit, um Freiheit und Brot, nicht um Brot statt Freiheit, auch nicht um Freiheit statt Brot. Es gibt keine Vor- oder Nachordnung beider Begriffe.
Heutiges Reden über Freiheit darf kein soziales Privileg sein. Es darf nicht zum gesellschaftsgefährdenden Problem werden, dass das Lied der Freiheit am lautesten jene singen, die sich die Freiheit leisten können, die noch nie in Kellerlöchern gesessen oder jahrelang vergeblich als Bittsteller in Arbeitsämtern Schlange gestanden haben. Und die nicht wissen, wie einem zumute ist, wenn die Leitern nach oben ins Freie gekappt sind. Es geht um die Freiheit als eine Freiheit in Verantwortung, nicht um eine Freiheit bloßer Selbstbezüglichkeit; es geht um Freiheit als Einheit von sozialen und politischen Rechten. Diese Dialektik ist ein Kampffeld geblieben. Deshalb erzürnt es mich, dass man fast nur noch von »ehemaligen Bürgerrechtlern« spricht, wenn die Matadoren des Herbstes 1989 zitiert werden, und mehr noch erzürnt mich, dass sie lediglich als Gewährsleute jener erwähnten prinzipiell antikommunistischen Haltung auftreten, kaum aber als Kritiker einer oft genug empörungswerten westlichen Gegenwart.
So vermisse ich seit Jahren den Protest einiger jener Bürgerrechtler, die laut krähend und klagend auf dem Erbe des Mielke-Imperiums sitzen, gegen die Ereignisse in Tschetschenien, gegen Morde an Journalisten in Russland, wie etwa dem an Anna Politkowskaja. Wo ist der Widerstand gegen diverse Machenschaften der CIA und gegen das Lager in Guantánamo? Wo das laute, öffentliche Unverständnis über die US-Soldateska im Irak, über die Zerstörung einer Unesco-Schule in Gaza?
Mit dem, was ist, soll man sich nie abfinden
Wer von Menschenrechten spricht und für Menschenrechte kämpft, tut das immer in einem überschreitenden Sinne. Mit dem, was ist, soll man sich nie abfinden; es gilt, die Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit zu vermindern. Wer für Menschenrechte kämpft und an ihre Verwirklichung glaubt, hängt einer Utopie nach, er wird in seinem Mühen mit anderen Gleichgesinnten also stets nur Näherungswerte erreichen. Aber für diese Näherungswerte gilt es und lohnt es sich zu kämpfen.
Das Wort von der Zivilcourage kommt mir in den Sinn. Es geht auf Bismarck zurück, dem ein befreundeter Abgeordneter nach einer Rede, für die jener sehr angegriffen worden war, sagte: »Du hattest recht.« Bismarck fragte ihn zwischen Erstaunen und Grimm, warum er das nicht gleich im Parlament gesagt hätte, ihm fehle es wohl an Mut – wie den Deutschen überhaupt Tapferkeit im Felde zuzuschreiben sei, aber wenig Zivilcourage. Die Dichterin Hilde Domin sagt, dass der Mensch das Tier sei, das Zivilcourage habe. Es erfordere immer wieder die Überwindung, als Einzelner gegen die Vielen aufzustehen. Auch in der Demokratie. Zur Zivilcourage gehören Klarheit des Denkens, Aufrichtigkeit des Redens, Entschlossenheit des Tuns, Besonnenheit des Urteils, Angemessenheit der Mittel – statt sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen oder sich zerstörerischer Radikalisierung anzuschließen. Es geht darum, Konflikte nicht zu verschleiern, aber auch nicht zu schüren, sich also der Friedfertigkeit des Herzens, der Hand und der Zunge zu befleißigen.
Der aufrechte Gang: Warum muss er eigentlich geübt werden?
Der Schriftsteller Volker Braun hat einen Essay mit dem wunderbaren Satz beendet: »Und in dieser Zeit begann ein neues, härteres Training des wunderbaren, des schmerzhaften, aufrechten Gangs.« Des aufrechten Gangs wofür, wogegen? Auf jeden Fall gegen die Bevormundung durch eine Ideologie, ob die des Marxismus oder des Marktismus. Es geht gegen die Teilung der Gesellschaft in Regierende und Regierte, es geht gegen ein Menschenbild der ökonomischen oder religiösen Vernutzung des Menschen, der stets weit mehr ist als nur Beleg einer geistigen, politischen Tendenz, die Herrschende aufmachen möchten. Oft teilt sich die Gesellschaft in Bürger, die integer in ihren unmittelbaren Lebenszusammenhängen agieren, denen indes der globale Zusammenhang, in den unser aller Existenz eingebunden ist, fernbleibt – und in jene anderen, die besorgt und engagiert über Nicaragua und Darfur sprechen, die aber die lokalen Probleme kaum beachten und die also schweigen, wenn eine Riesen-Schweinemastanlage gebaut werden soll und ein Holländer Deutsche besticht, die das politisch durchsetzen sollen. Man kann nicht bloß für weltweite Maßnahmen zur Eindämmung des CO2-Ausstoßes sein und sich in Resolutionen dafür aussprechen, zugleich aber stumm bleiben bei der Wieder- und Neuerrichtung von Braunkohle-Tagebauen oder riesigen Steinkohle-Werken, sei es nun in Brandenburg, an der Ostsee oder an der Elbe.
Die Versuchung des Bürgerrechtlers
Ein Bürgerrechtler ist ein Ein-Mischer, der auf Gestaltung aus ist, sich aber nicht über den Leisten einer Partei schlagen lässt. Ein Bürgerrechtler, zur Macht gelangt, ist selten besser als alle anderen. Je länger er an der Macht ist, desto mehr vergisst er in der Regel seine einstigen Antriebe. Die Macht korrumpiert – fast alle. Man hat die Macht, so denkt man; dabei ist es die Macht, die einen hat. Es gibt Ausnahmen wie Vaclav Havel oder Nelson Mandela. Ein Bürgerrechtler ist, wenn er seinen Ursprüngen treu bleibt, bei Nichtregierungsorganisationen, in Dritte-Welt-Gruppen für fairen Handel etwa, bei lokalen Initiativen gegen Rechtsextreme oder für Obdachlose oder bei Attac tätig. Ein Bürgerrechtler ist einer, der sich nicht abfindet. Ein Bürgerrechtler ist jedenfalls kein prinzipieller Antikommunist, aber er ist durchaus politisch und konsequent gegen den Kommunismus, wo der – und das war bis 1989 seine Hauptarbeit – die eigene Idee missbraucht, umbiegt und just das Missbrauchsprodukt zum Dogma erklärt. Daher konnten sich bei der Charta 77 und auch bei Solidarnosc Leute versammeln, die aus national- oder christlich-konservativen, aus liberalen oder sozialdemokratischen Traditionen kamen.
Der Bürgerrechtler hält sich, weil er für die bessere Welt streitet, nicht für den besseren Menschen. Er weiß um die Gefahren des Sich-gerechtfertigt-Fühlens. Er achtet auf die Selbstgefährdungen, die lauern, wo jemand Verhältnisse durchschaut und kritisch beleuchtet. Dazu gehört es sicher unabdingbar, dass man sich selbst nicht für einen besseren Menschen hält, dass man Selbstgefährdungen erkennt. Aber davor steht der Wille, sich auf bestimmte Weise doch zu gefährden. Indem man aus der Reihe der Gleichgültigen, Gemäßigten, Geduldigen heraustritt. Und Mut zeigt zur Einmischung, damals und heute.
