»Nicht der siebte Himmel«
Wie tickt das Parlament, wie ticken einzelne Politiker? Welche Ziele und Visionen haben sie? Und welche Koalitionen sind denkbar? In einer Publik-Forum-Reihe zur Bundestagswahl am 22. September gehen wir diesen Fragen auf den Grund – mit Interviews, Berichten, Analysen und Kommentaren.
Herr Thierse, wie ging es Ihnen, als Sie vor 24 Jahren in den Bundestag einzogen, und was ist von all dem geblieben?
Wolfgang Thierse: Geprägt bin ich durch ein tiefsitzendes Gefühl der Befreiung im Jahr 1989: der Überwindung einer Diktatur. Da ist so ein Grundgefühl der glücklichen Wendung meines Lebens. Und ich staune gelegentlich, dass dieses Gefühl des Glücks noch nicht ganz verbraucht ist. Das ist wichtig, weil es über manche Niederlagen und Enttäuschungen des Alltags eines Politikers hinwegtragen kann. Demokratie ist nicht der siebte Himmel.
Oh je. Was würden Sie denn da jungen Leuten auf den Weg geben, die mit Elan jetzt neu in den Bundestag kommen?
Thierse: Zwei ganz triviale Sachen. Fleißig sein und sich nicht einschüchtern lassen. Und das weniger Triviale ist: Niederlagen verkraften lernen, ohne in Resignation und Zynismus zu verfallen. Die Gefährdung des Politikerdaseins ist eigentlich eine doppelte Gefährdung. Die Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung, für alles zuständig zu sein, alles lösen zu müssen, aber die Erfahrung zu machen, dass man es nicht kann. Und die Reaktion darauf ist dann Resignation oder Zynismus, gelegentlich auch der Alkoholismus. Oder Krankheit. Da hat mir dann doch, wenn ich das so sagen darf, mein Christsein geholfen.
Inwiefern?
Thierse: Oft genug bin ich gefragt worden, was meine Lieblingsstelle in der Bibel ist. Eine ist mir besonders wichtig. Diese wunderbare Botschaft aus der Bergpredigt von den Vögeln am Himmel und den Lilien auf den Feldern. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und sie sind doch schöner als Salomon, in all seiner Pracht. Als Jugendlicher hat mich das immer geärgert: Es geht doch nichts von alleine. Aber jetzt finde ich es eine wunderbare Einladung zur Absage an Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Als Politiker habe ich das ganz neu verstanden.
Sie hatten ja auch ganz konkrete Vorstellungen, was Sie gestalten wollten.
Thierse: Ich bin in die Politik gegangen aus dem Wunsch heraus, die deutsche Einigung so fair und gerecht wie möglich mitgestalten zu wollen. Wenigstens einen kleinen Beitrag dazu zu leisten. Auch dazu, dass der kleinere, schwächere Teil – das war Ostdeutschland – nicht unter die Räder kommt.
Leicht war es sicher nicht.
Thierse: Wenn ich mal die Linkspartei weglasse, ist es für die zahlenmäßige Minderheit Ost in allen Parteien schwierig, sich Gehör zu verschaffen. Ich habe das in den vielen Jahren höchst unterschiedlich versucht: durch Kritik, durch provokative Reden – »der Osten steht auf der Kippe« –, durch persönliche Gespräche, gelegentlich durch Jammern. Man muss da vieles versuchen, weil man nicht die Kraft der Mehrheit auf seiner Seite hat.
Was hat Sie ganz persönlich geprägt?
Thierse: Die Minderheitserfahrung, die ich ja bis 1989 in besonderer Weise gemacht habe. Ich habe gelernt, dass man daraus auch Selbstbewusstsein gewinnen kann. Als Christ zählte ich zur Minderheit, und im Beruf war ich der fast einzige Nicht-SED-Genosse. Damit musste ich umgehen, ohne skurril zu werden. Das kann man nur, wenn man sich auf die Argumente anderer einlässt und innerlich Antworten sucht. Ständig mit sich redend, weil man mit anderen zurande kommen muss. Keine schlechte Voraussetzung für einen Demokraten.
Was könnte in der Politik besser laufen?
Thierse: Ich wünschte mir, dass man die parlamentarische Demokratie, von deren Unersetzlichkeit ich überzeugt bin, ergänzt und vitalisiert durch mehr plebiszitäre Mitentscheidungsmöglichkeiten, auch auf Bundesebene mit klaren Regeln. Damit die Bürger die Chance haben, zwischen den Wahlen ihre Meinung kundzutun, Vorschläge zu machen. Ich bin aber auch sehr nüchtern, ich glaube, dass das eher genauso enttäuschungsbehaftet ist wie andere politische Mitentscheidungsmöglichkeiten.
Woran denken Sie außerdem?
Thierse: Politik und Verwaltung haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, den Bürgern zu sagen, wann und wie sie sich einmischen können, wenn sie es wollen. Das müsste besser laufen.
Willy Brandt war Ihr Vorbild. Ist er das immer noch und, wenn ja, warum?
Thierse: Ja, der Willy Brandt hat sich ja nicht geändert. Er war nicht nur Visionär, sondern auch Pragmatiker. In einer Demokratie müssen Grundüberzeugungen, Vorstellungen über den Tag hinaus, in Alltagspolitik übersetzt werden. Das hat Brandt gemacht. Die Politik der kleinen Schritte.
Welche Rolle haben da die Medien?
Thierse: Eigentlich sollten sie, neben ihrer kritischen Funktion, komplexe Sachverhalte ins Verständliche übersetzen. Doch wegen des unerhört gestiegenen Konkurrenz- und Zeitdrucks sind immer weniger Journalisten in der Lage oder fähig, genau diese Aufgabe zu erfüllen. An ihre Stelle tritt Skandalisierung und Personalisierung von Politik, Boulevardisierung der Medien, begleitet oft von einem Ton der Häme. Ich halte das für latent demokratiegefährdend.
Medien decken auch auf, machen Dinge für die Demokratie transparent. Wie die horrenden Honorare, die Herr Steinbrück für Vorträge bekommen hat.
Thierse: Ich bestreite gar nicht, dass das ein Fehlstart war, ich sage aber auch, dass diejenigen, die sich moralisch in den Medien über Steinbrück empört haben, teilweise mehr verdienen als jeder Politiker. Nur mit dem Unterschied: Was Politiker verdienen, ist bekannt. Richtigerweise. Aber was die Damen und Herren Chefredakteure verdienen, wird strengstens geheim gehalten. Die wirklichen Großverdiener und die Mächtigen verstecken sich in unserem Lande hinter den Politikern. Das Fazit meines langen Politikerlebens: Eines der wichtigsten Tabus in unserer Gesellschaft ist die Frage: Woher kommen Gewinne? Wie entstehen sie? Es ist die klassische Frage von Karl Marx.
Hat dieser Name sich nicht durch Ihre lange Zeit im politischen Alltag erledigt?
Thierse: Nein. Auch das hat mit meiner ostdeutschen Erfahrung zu tun: Mit einem System nicht einverstanden gewesen zu sein und dann zu erleben, wie dieses System scheitert, das erledigt ja nicht alle Probleme und Sehnsüchte, auf die das kommunistische System die – falsche – Antwort war. Die kommunistische Utopie war der Versuch, mit Mitteln des Zwangs eine gerechte Welt zu schaffen. Dessen notwendiges Scheitern widerlegt nicht die Sehnsucht nach einer gerechten Welt. Die teile ich immer noch.
Gibt es besondere Glücksmomente für Sie als Politiker in den letzten 24 Jahren?
Thierse:Ich nenne für viele drei. Erstens die knappe Entscheidung für Berlin. Im Juni 1991. Ich war tatkräftig beteiligt, ich habe die Begründungsrede für den Pro-Berlin-Antrag gehalten. Für Bonn hat Norbert Blüm gesprochen. Dann meine Wahl zum Bundestagspräsidenten: Der erste Ostdeutsche wird in eines der höchsten Verfassungsämter gewählt. Das ist ein kleiner Schritt im Vereinigungsprozess gewesen. Schließlich: Ich war Bauherr des umstrittenen Holocaust-Denkmals als Bundestagspräsident. Es ist ein richtiges Denkmal an der richtigen Stelle, darüber freue ich mich.
Haben Sie sich als Politiker manchmal auch verdammt einsam gefühlt?
Thierse: Ach, ja und nein. Ich habe lange gebraucht, um mich an alltägliche Politik zu gewöhnen. Nie war ich sicher, vielleicht bin ich es heute noch nicht, ob ich ein wirklicher Politiker bin. Weil mehr als eine Meinung in meinem Kopf Platz hat, weil ich mich scheue, vollständig parteiisch zu sein.
Sie sind dort wohnen geblieben, wo Sie immer gelebt haben. Was hat das für Sie bedeutet?
Thierse: Das ist so eine Mischung aus Selbstverständlichkeit und Trotz. Ich wollte mich nicht an Privilegien gewöhnen, ich ziehe nicht in eine Amtsvilla, wollte mich nicht daran gewöhnen, dass es sich da viel schöner lebt als im Prenzlauer Berg. Ich wollte mich nicht bis zur Unkenntlichkeit verändern. Das ist allerdings nicht etwas absichtsvoll Cleveres, sondern hat mit Selbstverteidigung zu tun.
Was machen Sie künftig, wenn Sie nicht mehr im Bundestag sind?
Thierse: Das weiß ich noch nicht genau. Ich habe mich vor der Politik nicht gelangweilt, ich werde mich vermutlich auch nach der Politik nicht langweilen.
Was würden Sie den jungen Leuten in Deutschland mit auf den Weg geben?
Thierse: Die Demokratie nicht leichtfertig zu verachten. Ich werde das nicht vergessen, dass wir Ostdeutschen eine vierzigjährige Sehnsucht nach Demokratie hatten. Jetzt sehe ich, wie viel Politikerverachtung es gibt. Wie viel Geringschätzung gegenüber den Mühen demokratischer Politik. Wie viel Ungeduld gegenüber ihrer notwendigen Langsamkeit. Beides gefährdet die Demokratie. Die Jungen tun gut daran, sich mit aktivem Trotz an ihr zu beteiligen. Gerade auch in einer ökonomischen Krise, die wir nicht schnell überwinden können.
