»Nur wer nicht hungert, wird aktiv«
Die Sonne knallt vom Himmel. Die 19 Jahre alte Albertina trägt ihr Baby auf dem Arm, während sie den Lebensmittelladen zeigt, den sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Dorf Otjivero in Namibia betreibt: ein Raum ohne Fenster, aus Wellblech zusammengebaut, mit Alufolie ausgekleidet. Eine schmale Theke, dahinter provisorische Regale mit bunt verpackten Süßigkeiten, Konservendosen, Säcke mit Maismehl, ein paar Packungen Zucker und einige Flaschen Öl.
Otjivero ist ein kleines Dorf in Namibia, etwa hundert Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Windhuk. Die Straßen sind buckelig und kaum befestigt, die einstöckigen Verschläge mit Holzlatten vernagelt oder mit rostigen Wellblechteilen abgedeckt. In manchen Vorgärten suchen Hühner oder Ziegen im staubigen Sandboden nach Essbarem. Kinder, die eigentlich in die Schule gehörten, spielen am Straßenrand. Armut und Arbeitslosigkeit, Kriminalität und nicht selten Alkoholsucht bestimmen in Otjivero den Alltag. Etwa tausend Menschen leben in dieser Siedlung, umgeben von den Farmen Wohlhabender und größtenteils Deutschstämmiger.
In Otjivero starteten Kirchen, Gewerkschaften, Entwicklungs- und Nichtregierungsorganisationen 2008 das Grundeinkommensprojekt Basic Income Grant (BIG): Über zwei Jahre hinweg erhielt jeder, Kinder eingeschlossen, hundert namibische Dollar – nach aktuellem Kurs etwa 6,50 Euro – im Monat, vorausgesetzt, er hatte sich registrieren lassen und bezog nicht gleichzeitig Rente. Das Grundeinkommen wurde ohne Bedingung, Auflagen oder Gegenleistungen ausgezahlt und ohne dass Bedürftigkeit nachgewiesen werden musste.
Namibia gilt als einer der reichsten Staaten Afrikas, doch in kaum einem anderen Land sind die Einkommensunterschiede derart groß. Die Lebensstandards gehen weit auseinander: Etwa die Hälfte der Namibier hat keine Arbeit, es gibt keine gesetzliche Kranken- und Altersvorsorge.
Das Grundeinkommen finanzierten Kirchen, Gewerkschaften und anderen Nichtregierungsorganisationen aus Namibia und anderen Ländern. Auch aus Deutschland kamen Spendengelder: von den evangelischen Kirchen im Rheinland und in Westfalen.
»Nur wer nicht hungert, wird wirtschaftlich aktiv und kann sich selbst aus der Armut befreien«, betonte Zephania Kameeta, ehemaliger Bischof der lutherischen Kirche in Namibia. Er engagierte sich beharrlich für das Grundeinkommen und war Mitglied der BIG-Koalition. »Indem das Grundeinkommen den Menschen ihre Würde zurückgibt, befreit er zur aktiven und gleichberechtigten Teilnahme in unserer Gesellschaft. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, dass dieser Traum für ganz Namibia Wirklichkeit werden möge«, äußerte Kameeta vor sieben Jahren.
Das Dorf Otjivero wurde ausgewählt, weil sich dort viele Familien das Schulgeld für ihre Kinder oder die Gebühr für einen Arztbesuch nicht leisten konnten. So war es auch bei Dominicus Ganeb. Der 35-Jährige berichtet: »Das Geld wurde unter einem Baum nahe der Kirche bar ausgegeben.« Er und seine Nachbarn bezahlten damit das Schulgeld der Kinder und die Rechnungen des Arztes. Sie kauften Ziegen, Hühner, Tauben. Die Kriminalitätsrate sei gesunken, die Gesundheit der Einwohner habe sich verbessert, berichtet Ganeb. Viele investierten auch in eine Sterbeversicherung – denn die Kosten für den Sarg und die Beerdigung kann für Angehörige schnell ein Jahresgehalt kosten. Er selber begann ein Haus zu bauen. Stabil, aus Stein. Andere starteten ein kleines Unternehmen, kleine Bäckereien, Nähstuben oder Lebensmittelläden, wie Albertina und ihre Mutter Selma. Früher arbeitete Selma als Hausangestellte auf einer Farm. »Und dann das viele Geld! Wir konnten es kaum glauben!«, erinnert sich die 59-Jährige. Die Selbstständigkeit tue ihr gut, erzählt sie, sie stehe auf eigenen Beinen, sei nicht mehr abhängig von dem Farmer, mit dem es oft Streit gegeben habe. Mit dem Erlös könnten sie und Albertina die Familie ernähren.
Trotz des relativ niedrigen Betrages brachte das Grundeinkommen einen Fortschritt nach Otjivero. Das Geld war ein Anreiz zum Arbeiten, das Elend wurde ein wenig gelindert, vielen sicherte es das Existenzminimum und ermöglichte ein würdevolles Leben. Das sprach sich herum. Mit der Hoffnung, ebenfalls das Grundeinkommen beziehen zu können, zogen Menschen aus ganz Namibia nach Otjivero. Für die Organisatoren ein klares Signal dafür, dass das Grundeinkommen landesweit eingeführt werden müsse.
Nach zwei Jahren war das Projekt zu Ende, von Beginn an war es auf 24 Monate ausgelegt. »Natürlich war uns das klar. Aber dennoch haben wir gehofft, dass es weitergeht. Und als die Zahlungen dann endgültig stoppten, war das sehr schlimm«, berichtet Dominicus Ganeb.
Mithilfe von Spendengeldern gab es auch nach Ablauf der zwei Jahre noch einzelne, unregelmäßige Auszahlungen. Doch Ende 2014 war endgültig Schluss.
Um das Grundeinkommen in Namibia dauerhaft und über Otjivero hinaus einzuführen, müsste es aus namibischen Steuereinnahmen finanziert werden. Die Initiatoren hatten die Hoffnung, dass Namibias Regierung dies tun würde. Als 2015 mit Hage Geingob ein Befürworter des Grundeinkommens Präsident von Namibia wurde, waren die Erwartungen groß. Und sie wuchsen, als Bischof Zephaniah Kameeta zum Minister für Armutsbekämpfung und Sozialfürsorge ernannte wurde.
Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Das Grundeinkommen in Otjivero fortzuführen oder in ganz Namibia einzuführen hat für beide keine Priorität. »Das ist sehr bitter«, urteilt Mitinitiator Herbert Jauch.
Selma und Albertina konnten ihren Lebensmittelladen bis jetzt halten. Doch die Regale sind nur spärlich gefüllt, allzu viele Kunden kommen nicht mehr. Seit die Unterstützung weggefallen ist, fehlt vielen das Geld, um bei ihnen einzukaufen. Nach und nach fallen die Bewohner in die prekäre Situation vor dem Grundeinkommen zurück. Die Kinder verbringen die Vormittage wieder auf der Straße statt in der Schule. Dominicus Ganeb und etliche andere haben ihr Haus nicht fertig gebaut.
Von Beginn an war das Projekt umstritten. »Einfach so Geld geben? So erzieht man doch nicht zur Arbeit!«, lautet die gängige Meinung der Farmer aus der Umgebung. In Wirtschaftskreisen heißt es, das Grundeinkommensprojekt sei nicht ausreichend wissenschaftlich begleitet worden. Führende namibische Politiker wollen eher Arbeit schaffen als »einfach Geld geben«. Trotz der Argumente der Befürworter – bessere Gesundheit, höhere Bildung und mehr Beschäftigung – lehnt das namibische Finanzministerium ein Grundeinkommen vehement ab und hält es für unbezahlbar.
Die Initiative steckt fest. Konkrete Pläne, das Grundeinkommen landesweit einzuführen, gibt es in Namibia derzeit nicht. Die Grundeinkommenskoalition und die Initiatoren des Projekts kämpfen weiterhin dafür, um die Armut im ganzen Land zu reduzieren. »Wir werden den Kampf für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit im Allgemeinen und speziell für das Grundeinkommen nicht aufgeben«, sagt Herbert Jauch. Man werde jetzt über neue Formationen und Strategien debattieren, um aus den Erfahrungen zu lernen.
Auch die Unternehmerin Selma und viele andere in Otjivero hoffen, dass das Grundeinkommen eines Tages wieder gezahlt wird. »Dann könnte ich mein Haus weiterbauen«, sagt Dominicus Ganeb.ê
