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Olympische Spiele boykottieren?

Im Februar 2014 finden im russischen Sotschi die Olympischen Winterspiele statt. Sollen sie boykottiert werden, weil in Russland jegliche Äußerung über Homosexualität in der Öffentlichkeit seit dem Sommer per Gesetz unter Strafe gestellt wurde und Schwule und Lesben sich ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen? Ein Pro und Contra
von Jelena Kostjuschenko , Moritz Gathmann vom 08.12.2013
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Mitglieder der Gesellschaft für bedrohte Völker protestieren am 04.12.2013 in Kassel am Rande des sog. "Petersburger Dialogs" zwischen Russen und Deutschen gegen die russische Politik. Menschenrechtsverletzungen sind in Russland an der Tagesordnung. Würde ein Boykott der Olympischen Winterspiele in dem Land die Lage bedrohter Menschen verbessern? Das ist Thema unserer Online-Umfrage. (Foto: pa/Zucchi)
Mitglieder der Gesellschaft für bedrohte Völker protestieren am 04.12.2013 in Kassel am Rande des sog. "Petersburger Dialogs" zwischen Russen und Deutschen gegen die russische Politik. Menschenrechtsverletzungen sind in Russland an der Tagesordnung. Würde ein Boykott der Olympischen Winterspiele in dem Land die Lage bedrohter Menschen verbessern? Das ist Thema unserer Online-Umfrage. (Foto: pa/Zucchi)

Jelena Kostjuschenko: »Ja, ein Boykott trifft Putins Nerv«

»Ich bin für einen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi. Wenn es etwas gibt, das dieses politische System schmerzhaft treffen kann, ist es der Boykott. Für Putin soll Olympia alles überstrahlen, all die politischen Misserfolge, all die Korruption der vergangenen Jahre. Aber ich glaube nicht daran, dass es zum Boykott kommt. Weil für europäische Sportler die Olympischen Spiele das wichtigste Ereignis in ihrem Leben sind. Und sportliche Siege sind für Sportler wertvoller als das Schicksal russischer Homosexueller.

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Wenn sie schon an den Spielen teilnehmen, dann sollten die Sportler mit Regenbogenfahnen auflaufen – sich zum Beispiel die Fingernägel in den Farben des Regenbogens lackieren, wie es die schwedischen Sportlerinnen Emma Green Tregaro und Moa Hjelmer bei der Leichtathletik-WM in Moskau vorgemacht haben. Küsse auf dem Siegertreppchen wären auch gut. Sieben Millionen Russen, die homo-, bi- oder transsexuell sind, würden die Unterstützung von ganz oben spüren. Darunter viele Teenager, die das neue Homosexuellengesetz ganz besonders trifft.

Die mutigsten Gäste und Sportler könnten zudem an der Gay-Parade teilnehmen, die russische Homosexuelle in den Straßen von Sotschi planen. Aber diese Mutigen muss ich warnen, da nach dem neuen Gesetz über Homosexuellen-Propaganda Ausländer, die sich nicht gesetzeskonform verhalten, des Landes verwiesen werden können.

Jede Unterstützung ist wertvoll. Unsere Lage erlaubt es uns nicht, Hilfe abzulehnen. Die meisten russischen Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen sind bereits zu eingeschüchtert, um auf die Straßen zu gehen, ihre Familien zu schützen – geschweige denn, um daran zu glauben, dass sie in Russland jemals sicher sein könnten.«

Moritz Gathmann: »Nein, ein Boykott bringt meistens nichts«

»Ich bin gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi. Erinnern wir uns: Kein Boykott in der olympischen Geschichte hat sein Ziel erreicht. Das gälte auch für diesen. Er würde in Russland verständnisloses Schulterzucken bewirken und den Graben zwischen dem »Westen« und den Russen vergrößern. Es ginge den Russen nicht in den Kopf, ließe der Westen wegen des Gesetzes gegen »Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen« seine Olympioniken zu Hause.

Stellen wir eines klar: Das in diesem Jahr erlassene Gesetz ist ein Skandal und gehört abgeschafft.

Aber: Homosexualität steht in Russland auch mit dem neuen Gesetz nicht unter Strafe. Es gibt sogar eine Föderation für homosexuelle Sportler. Allerdings muss das meiste hinter verschlossenen Türen stattfinden. Denn dass die Mehrheit der Russen heute negativ gegenüber Homosexuellen eingestellt ist, ist eine Tatsache. Die zu bedauern ist.

Jedem – den Olympioniken auf eigenes Risiko, denn das IOC hat klar Position gegen Proteste bezogen – ist es freigestellt, in Sotschi seine Meinung kundzutun. Man darf aber nicht zu viel Wirkung erwarten: Das Thema Homphobie haben viele Russen inzwischen satt. Jede medienwirksame Aktion wird in den westlichen Medien Jubelstürme hervorrufen. Die Russen werden sie dagegen mit Kopfschütteln quittieren.

Am Ende liegt es vor allem in den Händen der russischen Homosexuellen, die Verhältnisse zu ändern. Nach Meinung russischer Lesben- und Schwulenaktivisten haben die sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel zu sehr im Status quo eingerichtet. Und zu wenig gekämpft. Die politische Passivität wiederum ist leider kein Phänomen in Russland, das auf sexuelle Minderheiten beschränkt ist.«

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Personalaudioinformationstext:   Jelena Kostjuschenko, geboren 1987, ist eine der bekanntesten Journalistinnen der »Nowaja Gaseta«.
Moritz Gathmann, geboren 1980, ist freier Journalist und lebte und arbeitete bis vor Kurzem in Moskau.
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