Pfarrer protestieren im Hambacher Wald
Publik-Forum.de: Herr Gaevert, Sie und weitere Pfarrerinnen und Pfarrer der evangelischen Gemeinde Düren haben in der vergangenen Woche eine Sitzblockade im Hambacher Wald gemacht. Wie kam es dazu?
Martin Gaevert: Als wir gehört haben, dass am Donnerstag die Räumung im Wald beginnen sollte, haben wir uns spontan entschlossen, unser wöchentliches Pfarrertreffen im Wald abzuhalten. Wir haben uns um 6.30 Uhr im Wald bei Buir getroffen. Die Polizei kam kurz danach an und hat uns aufgefordert, unsere Versammlung zu verlegen. Ein Teil von uns hat dann beschlossen, dort zu bleiben und zivilen Ungehorsam auszuüben.
Sie wurden dann weggetragen?
Gaevert: Ja, wir wurden weggetragen, die Personalien wurden aufgenommen, und es gab Platzverweise.
Gab es Gewalt gegen Sie?
Gaevert: Es wurden routänemäßig die Schmerzpunkte gegriffen, das tat schon weh. Und das unter den Augen der Presse. Das untergräbt das Vertrauen, denn was passiert, wenn die Presse nicht dabei ist? Die Polizei kriminalisiert größtenteils den Protest und verhält sich damit wie die Politik. Inzwischen ist das Gelände großräumig abgesperrt, die Öffentlichkeit ist aus dem Wald ausgesperrt. Aber die Polizei hat eine schwierige Rolle in dem Konflikt, das sehen wir auch. Nicht jeder Polizist ist glücklich mit dem Einsatz. Das haben wir gehört.
Was erwarten Sie vom Energiekonzern RWE?
Gaevert: Wir halten die Rodung des Hambacher Walds für überflüssig, erst recht jetzt, während in der Politik über den Kohleausstieg diskutiert wird. Seit Jahrzehnten weisen die Kirchen auf die Notwendigkeit der Energiewende hin. Seit Ende der achtziger Jahre versucht die Gemeinde, die Zerstörung durch die Braunkohle-Tagebaue in der Region mit Gesprächen, Stellungnahmen und Protesten öffentlich zu machen und alternative Wege zu suchen. Es war alles vergebens. 1988 wurde sogar ein Gottesdienst zum Thema von der RWE-Belegschaft gestürmt.
Die Politik verweist auf die Arbeitsplätze, die erhalten bleiben sollen.
Gaevert: Die Frage der Arbeitsplätze wurde damals und wird heute von uns sehr ernst genommen. Aber alle Gespräche darüber mit dem Konzern und den Landesregierungen verliefen im Sande, und es gab keine Kurskorrektur. Stattdessen läuft immer noch das Braunkohlekraftwerk Weisweiler mit der schlechtesten Energieeffizienz in ganz Europa. Der einzige Grund ist erkennbar der Gewinn, den ein abgeschriebenes Kraftwerk für den Konzern erwirtschaftet, nicht der Nutzen für das Gemeinwohl.
Wie sehr spielt der Konflikt eine Rolle in den Gemeinden?
Gaevert: Er betrifft zwei von neun Pfarrbezirken. Dort liegen Orte, die durch den Braunkohleabbau abgebaggert werden sollen. Er betrifft die Gemeinden, es gibt Diskussionen, aber er spaltet sie nicht. Dafür geht es schon zu lange. Die Gemeinde hat sich immer klar gegen den Tagebau gestellt. Es gab Austritte deswegen.
Was kann die Kirche überhaupt machen in dem Konflikt?
Gaevert: Wir können für ein neues Denken gegenüber der Mitwelt werben. Dass wir wegkommen von dieser anthropozentrischen Haltung, in der nur der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir verwenden gerne den Begriff der Mitwelt, weil das für ein Beziehungsnetz steht, in dem wir leben. Darüber müssen wir nachdenken. Und die Natur nicht mehr länger wie eine Sache oder einen leblosen Gegenstand behandeln. Wir weisen darauf hin, machen etwa Gottesdienste an der Abbruchkante. Das ist das Eine. Das andere ist: Wir unterstützen die Menschen, die in denWald gezogen sind, weil sie sagen, wir machen das nicht mehr mit. Viele haben ihren Beruf dafür aufgegeben. Diesen großen Einsatz muss man hoch achten. Das sind nicht Radikale, wie von der Politik behauptet wird. Ich habe dort ein Plenum erlebt mit einer außergewöhnlichen Gesprächskultur. Völlig hierarchie- und gewaltfrei.
Aber es gibt Gewalt auch unter denen, die protestieren.
Gaevert: Ja, aber die Gewalttätigen sind eine kleine Minderheit. Man kann den Protest nicht über einen Kamm scheren, wie es die Politik gerne macht.
Die Alternative zum Kohleabbau ist die Energiewende. Wie engagieren Sie sich als Gemeinde dafür?
Gaevert: Wir haben ein »Mitweltmanagement«, ich wurde vor 15 Jahren als Mitweltbeauftragter in der evangelischen Gemeinde Düren dafür eingestellt. Wir beteiligen uns am Zertifizierungssystem Grüner Hahn. Wir haben eine Einkaufskooperative für den Dürener Unverpackt-Laden gegründet, wo man verpackungsfrei einkaufen kann. Es gibt Fortbildungen für Erzieher in der Waldpädagogik, ein Repair-Café, wo man kaputte Gegenstände mit Hilfe reparieren kann. Einen Eine-Welt-Laden. Und aktuell diskutieren wir über eine Fotovoltaikanlage fürs Gemeindedach. Man kann viel machen. Wir brauchen den Kohleabbau in diesem Umfang nicht mehr. Der Hambacher Wald müsste nicht gerodet werden.
