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Revanche für die Revolution?

Wo ließe sich eine Reise ins neue Ägypten besser beginnen als am Tahrir, dem Platz der Befreiung, im Zentrum Kairos? Von hier gingen schließlich die Bilder um die Welt, die uns in fassungsloses Staunen versetzten - und arabische Despoten in Angst und Schrecken
von Elisabeth Zoll vom 08.05.2012
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Elisabeth Zoll reist bis zum 12. Mai 2012 durch Ägypten. Wenige Tage vor den entscheidenden Präsidentschaftswahlen ist das Land im Ausnahmezustand. Unruhen begleiten die Vorbereitung der Wahl, die Ägypten in die Demokratie führen soll. (Fotos: pa/dpa/Khaled Elfiqi; Pressefoto Zoll)
Elisabeth Zoll reist bis zum 12. Mai 2012 durch Ägypten. Wenige Tage vor den entscheidenden Präsidentschaftswahlen ist das Land im Ausnahmezustand. Unruhen begleiten die Vorbereitung der Wahl, die Ägypten in die Demokratie führen soll. (Fotos: pa/dpa/Khaled Elfiqi; Pressefoto Zoll)

Wer erinnert sich nicht an die Hunderttausenden jungen Ägypter, die im Visier von Maschinengewehren der Soldaten nach politischer Freiheit riefen - junge Männer und Frauen Seite an Seite, scheinbar frei von Angst - Christen und Muslime, Junge und Alte? »In den Tagen der Revolution waren alle Unterschiede vergessen«, sagt der Menschenrechtsanwalt Amir Selim am gestrigen Abend zu uns. Wer etwas entbehren konnte, brachte damals Brot und Wasser zu den Demonstranten auf den Platz, der vermögende Architekt Mahmond Hamzd spendete Zelte, andere gaben im unabhängigen kleinen Merit-Verlag des Intellektuellen Mohamed Hashem Gesichtsmasken zum Schutz vor Tränengas ab. In der Omar Makram Moschee, direkt am Platz, fanden Verletzte Hilfe und Unterschlupf. Wie weit entfernt wirken doch die Tage der Revolution im Januar 2011!

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Die versteckte Botschaft ist: »Haltet Euch fern von diesem Ort!«

»Sei vorsichtig«, wird mir am Morgen vor Aufbruch zum Tahrir-Platz mit auf den Weg gegeben. Und die Warnung gilt nicht den Autokolonnen, die dicht an dicht in mehreren Spuren nach ganz eigenen Regeln das Zentrum umkreisen. Der Platz der Befreiung wirkt eigentümlich seelenlos. Warmer Wind streicht über die sandige Fläche, wirbelt Plastik- und Papierfetzen auf. Die wenigen Zelte, die noch stehen, sind ein Relikt vergangener Zeit. Die Revolutionäre sind in ihren Alltag zurückgekehrt. Geblieben sind Straßenhändler, die auf staubigem Boden oder an kleinen Ständen ihre Habseligkeiten ausbreiten, - und Mitarbeiter des Geheimdienstes. Spannung liegt über der großen, brachen Fläche. Bezahlte Schlägerbanden treiben dort ihr Unwesen. Frauen werden ungeniert begrapscht und bedrängt. Einzelfälle sind es nicht. Die Übergriffe haben Methode. »Haltet Euch fern von diesem Ort«, lautet die mehr oder weniger versteckte Botschaft. Die Stimmung ist abweisend, auch gegenüber Fremden. Fast wirkt es, als sei der einigende Geist der Revolution unter Diebe geraten.

Und tatsächlich wird stumm gerungen: Um das Image des Platzes und die Deutung der Umbruchzeit. Was wird überdauern? Steht der Tahrir-Platz auch in Jahrzehnten noch für den Aufbruch in eine freie Zeit? Oder werden die Gegner des Umbruchs dauerhaft Zwietracht an der Stätte der Revolution und im Herzen der Gesellschaft säen?

Die Frage wird noch einige Zeit offen bleiben. Währenddessen wird die aktuelle Geschichte weitergeschrieben. Im Gedächtnis der Menschen fügen sich an den Platz des Triumphs nun neue Orte der Trauer, wie das Gebäude des Staatlichen Rundfunks. Dort haben im Oktober Ausschreitungen Tote gefordert. Eine Abgrenzung aus NATO-Stacheldraht zeugt noch von der Gewalt. Oder der El Abassia Platz. Dort tobte am vergangenen Freitag erst die Gewalt.

»Es gibt eine große Angst vor wirklichen Veränderungen in Ägypten«

»Seit der Revolution ist eine Art Revanche im Gang«, beschreibt die Lage der Jurist Amir Selim. In der »guten Stube« des Merit-Verlages, einem rauchgeschwängerten, schmalgeschnittenen Raum mit beige-rot gemusterten Sofas, erzählt er vom großen Ehrgeiz der Anhänger des alten Regimes, die Revolution niederzuschlagen. Auch wenn in der Bevölkerung der Glaube an die Früchte der Revolution nicht gebrochen ist, weiß Amir Selim doch: »Es gibt eine große Angst vor wirklichen Veränderungen in Ägypten.« Vor allem bei den alten Eliten und dem Militär. »Es wird weitere Jahre der Revolution geben, weitere Tote und noch viele politische Gefangene«, sagt Selim voraus. Der Kampf um die Zukunft Ägyptens hat erst begonnen.

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Personalaudioinformationstext:   Elisabeth Zoll, geboren 1964, ist Politikredakteurin der Südwest Presse und bis 12. Mai 2012 als Journalistin in Ägypten unterwegs. Veranstalter der Pressereise ist der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. in Seefeld-Hechendorf. Mehr über die Autorin des Online-Tagebuches lesen Sie hier: http://www.publik-forum.de/autor/elisabeth-zoll
Schlagwörter: Ägypten Revolution
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