Rupert Neudeck ist tot
Von meinen Studienjahren an hatte ich die waghalsigen humanitären Aktionen der Neudecks verfolgt. Das von ihnen gecharterte Schiff Cap Anamur, mit dem sie mehr als zehntausend Menschen vor dem Ertrinken aus dem chinesischen Meer fischten, wurde für mich zu einem Symbol der Nächstenliebe und des Mutes. Ich kenne sogar eine Vietnamesin in meiner Stadt – sie heißt Thu Anh –, die damals als Kleinkind mit ihren Eltern aus Vietnam flüchtete und von der Cap Anamur gerettet wurde. Später, in der Publik-Forum-Redaktion, galt Rupert Neudeck als besonderer Freund und Weggefährte unserer Zeitschrift. Er steuerte Artikel zu humanitären und auch theologischen Themen bei, stand der Redaktion bei vielen Fragen zur Verfügung. Viele meiner Kollegen waren ihm auch persönlich begegnet und sprachen mit großer Wertschätzung von ihm.
Als ich so vor ihrem Haus in Troisdorf stand, überkam mich eine körperlich spürbare Ehrfurcht vor den Helden der Menschlichkeit, die ich hier zu befragen hatte. Doch alle Beklemmung fiel von mir ab, als ich Christel und Rupert Neudeck dann an ihrem hölzernen Esstisch gegenübersaß und aus einer dicken Tasse ihren starken Kaffee trank. Die beiden erzählten so offen und beseelt von sich und ihrer Arbeit, dass ich vier Stunden blieb. Irgendwann, als ich meinen Block längst zugeklappt hatte, fühlte ich mich wie bei Freunden zu Gast.
Während Christel Neudeck eine geerdete und heitere Weisheit besaß, strahlte Rupert Neudeck eine starke, ja unruhige Leidenschaft aus, sobald er auf seine Projekte, Ideale und Ziele zu sprechen kam. Er schien von innen her dafür zu brennen, die verlorenen und vergessenen Menschen auf diesem Planeten retten zu wollen und jede Faser seines Lebens dafür hinzugeben. Auch die aktuelle Flüchtlingskrise hielt ihn in Atem, unser Gespräch wurde mehrfach durch Anrufe auf seinem Handy unterbrochen; verschiedene Menschen fragten ihn nach seiner Einschätzung der Lage.
Ich ahnte nicht, dass dieses eines seiner letzten Interviews war. Heute morgen ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren nach einer Herzoperation gestorben.
»Man kennt sich ja selbst nicht so genau«
Rupert Neudeck wurde im Mai 1939 in Danzig geboren. Am 30. Januar 1945 wollte seine Mutter mit den Kindern auf der Wilhelm Gustloff aus Ostpreußen fliehen. »Wir kamen aber zwei Stunden zu spät«, erzählte er mir in dem Interview. Noch am selben Abend erfuhr die Familie, dass die Gustloff versenkt worden war. 9500 Menschen kamen ums Leben. »Womöglich hat dieses Kindheitstrauma dazu geführt, dass mich die Not der Ertrinkenden zum Handeln bewegt hat«, sagte er. »Ich weiß nicht. Man kennt sich ja selbst nicht so genau.«
Nach gelungener Flucht wuchs Rupert Neudeck in Hagen auf, studierte Philosophie und katholische Theologie und trat dem Jesuitenorden bei. Dort praktizierte er die Askese so radikal, dass er krank wurde und den Orden freiwillig wieder verließ. Er promovierte über politische Ethik bei Sartre und Camus, wurde Journalist bei der katholischen Funkkorrespondenz in Köln, später Redakteur beim Deutschlandfunk. 1979 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Christel und vielen Freunden, darunter Heinrich Böll, den gemeinnützigen Verein Cap Anamur, mit dem 11300 vietnamesische Flüchtlinge aus dem chinesischen Meer gerettet wurden. Später weitete sich die Arbeit des Vereins auf Krisengebiete in der ganzen Welt aus. 2003 gründete Neudeck gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, den Verein Grünhelme, der in interreligiöser Zusammenarbeit den Wiederaufbau sozialer und medizinische Einrichtungen in ehemaligen Kriegsgebieten betreibt. Während Rupert Neudeck in der ganzen Welt unterwegs war, koordinierte seine Frau Christel vom Wohnzimmer des Reihenhauses in Troisdorf aus die Aktionen, stellte Mitarbeiter ein und erzog die drei gemeinsamen Kinder.
Das alles haben mir die beiden da im März an ihrem Küchentisch lebhaft geschildert. Dabei wurde mir deutlich, wie unterschiedlich die beiden waren, wie gut sie sich in dieser Arbeit ergänzten - und wie sehr ihr weltweiter Einsatz für die Menschlichkeit auch von der Liebe dieser beiden Menschen zueinander getragen war.
Deshalb habe ich heute, als ich die Nachricht vom überraschenden Tod Rupert Neudeck erfuhr, zu allerst an Christel Neudeck gedacht. Ihr gilt heute mein tiefes Mitgefühl und die Anteilnahme der gesamten Publik-Forum-Redaktion. Wir haben einen Autor, einen Kämpfer, einen Freund verloren. Auch einen Visionär der Zukunft von Publik-Forum.
