Samad: »Ich will kein Märtyrer werden«
Sein Handy ist angeschaltet. Der Ruf geht durch. Es klingelt lange; mindestens ein Dutzend mal, dann höre ich auf zu zählen. Ich will auflegen. Da höre ich eine automatische Stimme am anderen Ende: »Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar.«
Vorübergehend? Also probiere ich es wieder. Doch viele Stunden lang ändert sich nichts an dieser Ansage. Was passiert in diesen Stunden?
Ich mag es mir nicht ausmalen. Und doch kommen mir ungewollt Bilder in den Kopf. Bilder von Männern, die Arabisch sprechen. Die sich beraten. Und die einen Mann gefangen halten, der nicht auf ihrer Seite steht. Einen, der für den Arabischen Frühling fieberte. Einen, der gegen die Islamisten aufstand. Einen, dessen Gesicht sie in Ägypten kennen. Es ist das Gesicht eines religionskritischen Schriftstellers, 41 Jahre alt, in Gizeh als Sohn eines Imams geboren, aufgenommen in zahlreichen Filmen und Fernsehtalkshows, abgebildet im Internet.
Dort, im Netz, wird nicht nur freundlich über ihn gesprochen. Am 4. Juni 2013 hatte Hamed Abdel-Samad, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, in Kairo einen Vortrag gehalten. Darin er hatte über »religiösen Faschismus« gesprochen, den er im Islamismus heutiger Tage wiederzuentdecken glaubt.
Die Folge: eine Fatwa. Ein Scheich ruft dazu auf, Abdel-Samad zu töten, denn dieser habe die Muslime, vor allem aber den Propheten Mohammed aufs Schlimmste beleidigt. Der Aufruf überspringt die Grenzen Ägyptens, erreicht die ganze Welt.
Seit Monaten lebt Hamed Abdel-Samad deshalb in Deutschland unter Polizeischutz. Seine Eltern, seine Geschwister, viele Freunde leben in Ägypten. Und so fliegt er immer wieder dorthin. Es ist gefährlich, das weiß er. Und doch: Er tut es. Er kann nicht anders.
Ein schwarzes Auto fährt ihm hinterher
Ende November ist er wieder dort. Und er verschwindet nach Angaben seines Bruders Mahmoud am späten Nachmittag des 24. November auf ungeklärte Weise. Mahmoud kann nur soviel sagen: Sein Bruder war unterwegs zu einem Treffen im Azhar Park. Dorthin wollte er – warum auch immer – allein gehen. Er verzichtet auf die Begleitung durch Leibwächter, die ihm vom Innenministerium zugeteilt worden sind. Auf dem Weg vom Hotel zum Park folgt ihm ein schwarzes Auto. Hamed alarmiert, kaum dass er es merkt, sofort über sein Handy einen der Leibwachen-Offiziere. Er ruft auch seinen Bruder an, sagt gehetzt: »Ich werde verfolgt.« Kurz danach verliert sich die Spur Hameds. Er bleibt verschwunden.
Mahmoud nimmt Kontakt auf mit der Deutschen Botschaft in Kairo, denn sein Bruder ist deutscher Staatsbürger. Er sagt, dass er glaube, dass Hamed von militanten Islamisten entführt worden sein könnte. Aus Mahmouds Sicht spricht alles dafür: Die monatelangen Morddrohungen. Die Prominenz seines Bruders. Der allgegenwärtige Hass in Ägypten.
Dann ruft Mahmoud Abdel-Samad beim arabischsprachigen Nachrichtenportal Youm7 an und erzählt, was geschehen ist. Damit ist die Nachricht in der Welt; auch deutsche Zeitungen drucken sie am Montag nach. Doch niemand weiß Genaues. Kein Magazin hat Neuigkeiten.
»Es gibt für mich keine Sache, wofür es sich lohnt zu sterben«
Am Nachmittag des 25. November telefoniere ich mit Marco Wilms in Berlin. Der Dokumentarfilmer hat einen soeben preisgekrönten Streifen produziert, der den Widerstand junger ägyptischer Künstlerinnen und Künstler gegen das Mubarak-Regime und später gegen die Islamisten zeigt: »Art War« ist der Titel. Einer der Protagonisten in diesem Film ist Hamed Abdel-Samad. Die Doku soll am 12. Januar 2014 in die Kinos kommen; auf der Leipziger Filmwoche hat sie unter 3600 eingereichten den zweiten Platz belegt.
Wilms erinnert sich gut an Filmszenen, die er mit Hamed in Ägypten drehte. Er hat ihn als einen Mann erlebt, der der Konfrontation nicht ausweicht, sondern sie sucht. Einmal trug er ein T-Shirt mit dem Aufdruck: »God is busy – can I help you?« Mitten auf der Straße, unter Menschen, die sich durch den unverhohlenen Zweifel an Gottes Existenz und Beschäftigung mit der Welt zum Teil massiv provoziert fühlten. Es kam zu Wortgeplänkeln, dann zu körperlichen Angriffen.
Hamed Abdel-Samad weiß um die Irrationalität, die Menschen in schweren Konflikten an den Tag legen. Er kann sie glänzend analysieren. Aber er neigt auch dazu, sie in solchen Situationen in ihren Folgewirkungen zu unterschätzen. Wilms sagt, dass Abdel-Samad ein Mensch sei, dem Freiheit alles bedeute. Deshalb komme er auch in brenzlige Situationen. Im Film spricht der 41-jährige Schriftsteller diesen Satz in die Kamera: »Wenn die Freiheit nicht vorhanden ist, dann macht für mich das Leben keinen Sinn.«
Dieser Satz – allein gelesen – macht unruhig. Wie weit geht einer, der für die Freiheit alles zu tun bereit ist? Wie wichtig ist ihm sein eigens Leben? Warum macht er sich ohne Leibwächter auf den Weg zu einem Treffen, dessen Bedeutung niemand kennt? Marco Wilms vermutet, dass Abdel-Samad, der an einem neuen Buch – »einem brisanten Stoff« – arbeite, möglicherweise einen Informanten treffen wollte, von dem Dritte nichts wissen durften. Auch Leibwächter nicht.
Fast schon beruhigend ist es, dass Hamed Abdel-Samad in Wilms´ Dokumentarfilm auch sagt: »Ich will kein Märtyrer werden. Ich lebe gern, und ich glaube, es gibt für mich keine Sache, wofür es sich lohnt zu sterben.«
Der deutsche Botschafter in Ägypten hat im Fall Samad unterdessen Kontakt aufgenommen zur ägyptischen Regierung, von der er ein schnelles und entschlossenes Handeln verlangt, um den offenbar Entführten aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Das deutsche Auswärtige Amt teilt mit, man sei »in Sorge« und arbeite »mit Hochdruck« daran, Hamed Abdel-Samad ausfindig zu machen. Es ist eine diplomatische Sprache, derer sich da bedient wird. Doch für Diplomaten ist diese Wortwahl alarmierend.
