Skandalöse Waffenexporte
Publik-Forum: Herr Harrich, wie nah ist Ihr Thriller »Meister des Todes« an der Realität?
Daniel Harrich: So nah an der Realität, dass es wehtut. Und so fern, wie es die Fiktion verlangt. Die Personen und Namen der Firmen sind erfunden, haben aber Inspiration im echten Leben. Klar ist: Es geht nicht um eine einzige Firma, die illegal Waffen in Bürgerkriegsgebiete liefert, das hat System. Und die Regulierungsbehörden, deren Aufgabe es ist, das zu kontrollieren, schauen einfach weg oder unterstützen dieses Vorgehen der Waffenfirmen sogar.
Wie lief die Recherche ab?
Harrich: Das war wie in einem typischen Agententhriller: Geheime Treffen an Flughäfen und in Hotelhinterzimmern, Aktenübergaben und verdeckte Aussagen. Wir haben den Film über ein Jahr lang geheim gehalten und unter dem Deckmantel einer romantischen Komödie gedreht. Der »Meister des Todes« hat aber eine Vorgeschichte: Zunächst habe ich den Dokumentarfilm »Waffen für die Welt« zum Thema gemacht und war für die Recherche unter anderem im Sudan, in Kolumbien und in Mexiko. Was ich dort erlebt habe, hätte ich mir nie so vorgestellt.
Zum Beispiel?
Harrich: Ich bin in diesen Staaten, die das Gegenteil von freien Demokratien sind, nicht nur auf unzählige deutsche Waffen wie das G3– Gewehr und die Maschinenpistole MP5 gestoßen. Sondern auch auf deutsche Waffenfabriken im Sudan, Mexiko und in Kolumbien. Im Sudan sagte ein hoher Offizier der Armee zu mir: »Wir lieben euch Deutsche. Das Beste, was ihr getan habt, ist, uns hier eine Waffenfabrik zu bauen.« Später dann, in Mexiko, haben wir das Sturmgewehr FX-05 entdeckt – angeblich eine neue mexikanische Eigenentwicklung, die vom Aussehen an das deutsche G36-Sturmgewehr erinnert. Gebaut wird das FX-05 in einer staatlichen mexikanischen Waffenschmiede, die angeblich von einer deutschen Firma gebaut wurde und wo bereits seit Jahrzehnten das G3, die MP5 und andere deutsche Waffen in Lizenz gebaut werden. Die Frage nach einem möglichen illegalen Technologietransfer liegt auf der Hand. Eine Ausfuhrgenehmigung hat das BAFA angeblich nicht erteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch in diesem Fall.
Wie kam es, dass Sie nach dem Dokumentarfilm zu deutschen Waffenexporten auch noch einen Spielfilm dazu gedreht haben?
Harrich: Das war selbst wie im Film. Einen Tag, nachdem unsere Dokumentation »Waffen für die Welt« bei Arte ausgestrahlt wurde, klingelte das Telefon in meinem Büro. Der Arte-Zuschauerservice war dran: »Wir haben hier jemanden in der Leitung, der sagt, er hätte Informationen über illegalen Waffenhandel.« Es war ein ehemaliger Mitarbeiter einer Waffenschmiede. So fing es an. Auf diesen ersten Anruf folgten viele weitere.
Aus welchen Gründen haben diese Menschen sich dazu entschieden, auszupacken?
Harrich: Letztendlich waren das auch Leute, die gesagt haben: »Hey, wir haben Mist gebaut. Und wir haben Angst, dass wir alleine dafür verantwortlich gemacht werden, ins Gefängnis gehen. Ich möchte nicht alleine für all das haften – hier sind die Namen und Unterlagen, die die wahren Schuldigen offenbaren.»
Das heißt die Motivation Ihrer Zeugen bestand hauptsächlich darin, die eigene Haut retten zu wollen?
Harrich: Einigen geht es tatsächlich darum, die eigene Haut zu retten. Andere erkennen, was für Massaker mit deutschen Waffen angerichtet werden und haben dann moralische Skrupel. Und bei manchen ist es Rachsucht. Rache spielt eine große Rolle. Es kommt häufig vor, dass einer sich sagt: »Die Firmenchefs, diese Idioten, haben mich ins Messer laufen lassen, denen werde ich es jetzt zeigen.« Die wussten alle, dass sie nicht immer unbedingt sauber arbeiten, und sie wussten alle, dass sie dafür möglicherweise irgendwann strafrechtliche Konsequenzen zu befürchten haben. Auch deswegen sind diese Leute ausgestiegen.
Der Aussteiger in Ihrem Film gerät massiv unter Druck, es geht um Erpressung, Verrat, und Loyalität. Das hört sich an wie bei der Mafia...
Harrich: Ist auch so. Die Arbeit bei einer Waffenfirma ist eine Kultur, eine Familie, eine Tradition. Viele kennen es gar nicht anders, da hat schon der Vater und der Großvater dort gearbeitet, die Freunde tun es, das wird einfach nicht hinterfragt. Das muss vorerst nichts Negatives sein. Aber wenn dann jemand aussteigt, ist er wirklich in einer prekären Situation. Wenn jemand eine über Generationen gewachsene Loyalität erschüttert, stößt er auf Empörung und Verachtung in seinem Umfeld. Das bringt oft Veränderungen für die ganze Familie mit sich, wie ich durch viele Gespräche weiß. Es ist hart, in der eigenen Heimat die Wurzeln zu verlieren, wenn man sich entscheidet, auszusteigen.
Hatten Sie während der Dreharbeiten zu einem so heiklen Thema auch mal Angst?
Harrich: Nein. Ich glaube an unseren Rechtsstaat, ich glaube an unser System und daran, dass wir Journalisten hier frei arbeiten können. Wenn man in Deutschland so einen Film nicht machen kann, wo dann? Aber in Mexiko investigativ zu arbeiten ist eine ganz andere Nummer... Dort wurde erst vor kurzem ein Journalist, in dessen Umfeld wir gearbeitet haben, ermordet. In Mexiko zu drehen war teilweise der reinste Horror.
Warum?
Harrich: Wir haben einen Film gedreht über deutsche Waffen, mit denen in Mexiko Aufstände blutig niedergeschossen werden. Währenddessen lieferten sich keine hundert Meter entfernt Studenten Straßenschlachten mit der Polizei, die eben Kriegswaffen in solchen Situationen benutzten. Zwischen Realität und Fiktion war da nicht mehr zu unterscheiden. Eine sehr anstrengende Situation, besonders für die Schauspieler.
Sind Sie Pazifist?
Harrich: Nein, das bin ich nicht. Aber ich will etwas gegen das Wegschauen tun. Ich hoffe, mit meinem Film einen gesellschaftspolitischen Denkanstoß zu geben. Wir leben hier in Deutschland doch im Paradies. Da ist es unser Auftrag, Missstände aufzuzeigen. Es heißt zwar immer, Deutschland hätte die restriktivsten Rüstungsexportkontrollen der Welt, aber die Realität ist eine andere. Deutsche Waffen sind weltweit verbreitet. Sogar unsere Bundeswehrsoldaten selbst werden am Hindukusch mit deutschen Gewehren beschossen, das ist doch absurd!
Sie greifen mit dem Film gewissermaßen in laufende Ermittlungen ein. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Heckler & Koch wegen Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes. Kann ein Film solche Ermittlungen vorantreiben?
Harrich: Ob dieser Film das tun wird, kann man nicht vorhersagen. Möglich ist alles. Mit dem Spielfilm »Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat« ist uns das geglückt. Aufgrund der neuen Erkenntnisse und Informationen, die wir mit dem Film geliefert haben, hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen nach 34 Jahren wiederaufgenommen.
Was hat Sie während der Dreharbeiten am meisten erschreckt?
Harrich: Ganz ehrlich: Wenig. Und das ist das Erschreckendste dabei. Das Image der Waffenhändler ist schlecht, denen traut man viel zu. Meine Recherchen haben bestätigt, dass dieses Stereotyp leider oft zutrifft. Obwohl die Mitarbeiter von Waffenfirmen gleichzeitig freundliche, sympathische Menschen sind, die ihre Arbeit ernst nehmen und gewissenhaft durchziehen. Ein Punkt hat mich aber doch sehr schockiert: Die Rolle der deutschen Behörden. Die ist wirklich skandalös. Das sind eigentlich Kontrollbehörden, aber de facto benehmen sie sich wie Beförderungsbehörden der Waffenfirmen. Von anderen, weit entfernten und korrupten Staaten erwartet man vielleicht, dass politische Institutionen dermaßen in illegale Waffengeschäfte verwickelt sind – aber doch nicht von Deutschland!
Eigentlich haben wir ja Gesetze, die verhindern sollen, das Waffen in falsche Hände gelangen...
Harrich: Gesetze sind schön und gut, aber sie werden umgangen, das ist das Problem!
Was muss passieren, damit deutsche Waffen nicht mehr in Bürgerkriegsgebieten landen?
Harrich: Wir brauchen eine Neuordnung der gesamten Rüstungsexportkontrollen, insbesondere im Bereich der Kleinwaffen. Ganz wichtig ist außerdem eine rigorose Endverbleibskontrolle, die derzeit auch diskutiert wird. Die Amerikaner und Israelis sind da um einiges weiter als wir Deutschen. Sie haben viel strengere Kontrollen. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag sind Expertenkommissionen aus diesen Ländern unterwegs, die genau nachforschen, wo die Rüstungsgüter mit dieser oder jener Seriennummer abgeblieben sind. Und wenn sie nicht da sind, wo sie sein sollte, wird an das entsprechende Land nicht mehr geliefert. Wir Deutschen fragen nicht mal nach!
»Egal was du machst, wir sitzen immer am längeren Hebel«, sagt ein Waffenhändler in einer Filmszene. Ist es überhaupt möglich, die Macht der Waffenkonzerne zu brechen?
Harrich: Ja, natürlich! Es ist möglich, wenn es einen gesellschaftspolitischen Konsens gibt. Nur scheint es mir so, als ob viele ganz zufrieden sind mit der jetzigen Situation und wollen, dass es so weiterläuft wie bisher. Das Arbeitsplatzargument ist dabei scheinheilig: Europas größter Kleinwaffenhersteller – Heckler & Koch – beschäftigt geschätzt nur 650 Mitarbeiter. Es liegt an der deutschen Öffentlichkeit, wie genau da hingeschaut wird. Die Rüstungsindustrie weltweit komplett stoppen zu wollen, ist ein schöner Traum, aber auf die Einhaltung der Gesetze zu achten, sollte schon möglich sein.
Am 23. September um 20.15 Uhr wird »Meister des Todes«in der ARD ausgestrahlt, gefolgt von einer Dokumentation. Das dazugehörige Enthüllungsbuch »Netzwerk des Todes« schrieb Harrich zusammen mit Jürgen Grässlin und Danuta Harrich-Zandberg.
