Von Köln nach Kairo
Aziza el Gabbas begrüßt mich in ihrem wenige Zimmer großen Ärztezentrum in Sakkara, einer Vorstadt rund 30 Kilometer von Kairo entfernt. Am Freitag der vergangenen Woche erst hat das Zentrum seine Türen geöffnet. »Wenn Sie wüssten, wie es hier vorher ausgesehen hat . . .«, sagt die Gynäkologin beim Rundgang durch die drei Behandlungszimmer. Stolz liegt in ihrer Stimme. Das Gröbste ist geschafft. »Jetzt muss ich die Klinik nur noch zum Rennen bringen.«
Dr. el Gabbas hat an der Kairoer Universität studiert. Helfen will sie - mit der Behandlung von krebskranken Frauen, mit Aufklärung über die furchtbaren Qualen der Genitalbeschneidung, die rund 80 Prozent der Ägypterinnen über sich ergehen lassen mussten, aber auch mit ihrer medizinischen Versorgung von Schwangeren und Paaren, die kinderlos blieben. Ihrem Spezialgebiet. In einem Land, in dem sich alles um die Familie dreht, ist ungewollte Kinderlosigkeit eine schwere Last. Meist werden die Frauen dafür verantwortlich gemacht. Familien zerbrechen oder der Ehemann nimmt sich eine weitere Ehefrau. Dr. el Gabbas akzeptiert die einseitige Sichtweise nicht. »Ohne eine Samenspende des Mannes läuft nichts.«
Dass die Ärztin in Sakkara praktizieren kann, liegt an Resalat Nour ala Nour, einem Sozialprojekt, das sich über Spenden von Unternehmen und beachtlichen Almosen, die gläubige Muslime zu geben verpflichtet sind, finanziert. Auf diese Weise ist in der Stadt am Rande der Pyramiden ein soziales Geflecht entstanden, das staatliche Ausfälle in der Versorgung Bedürftiger zu überbrücken hilft. Kindergärten finanziert das Projekt, Essen für Bedürftige, medizinische Hilfen, Unterricht für Jugendliche und Erwachsene. Selbst eine kleine Möbelwerkstatt mit 30 Beschäftigten hat das Projekt übernommen. 80 Hauptamtliche arbeiten für das Sozialprojekt - und eine ganze Schar von Freiwilligen.
Die Mutter der Ärztin kam vor vierzig Jahren aus Deutschland hierher
Sigrid el Gabbas, die Mutter der Ärztin, gehört dazu. »Einen Tag pro Woche nehme ich mir Zeit, anderen zu helfen«, sagt die weißhaarige, fast 70-jährige Frau in Jeans und blauer Bluse. Vor vierzig Jahren ist die Kölnerin mit ihrem ägyptischen Mann nach Kairo gekommen: »Dieses Land liebe ich noch immer.«
Die studierte Volkswirtin hat in all den Jahrzehnten konkret versucht, Menschen ein würdigeres Leben zu ermöglichen - mit dem Aufbau einer Klinik, der Einrichtung einer Telefonseelsorge und jetzt eben mit ihrer Arbeit in einem der Kindergärten von Nour ala Nour.
Die Aufgaben für Sozialprojekte sind mit der Revolution noch gewachsen. »Nach einem Jahr Durchhalten sind die finanziellen Reserven der meisten Familien aufgebraucht«, sagt Sigrid el Gabbas. Vor allem in Vorstädten wie Sakkara, wo viele Handwerker, Tagelöhner und Familien mit vielen Kindern leben. »Ohne Hilfsorganisationen wie die unsrige könnten die ärmeren Leute nicht leben.« Die Wahlägypterin ahnt, dass sie in Zeiten wie diesen noch lange gebraucht wird.
