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Warum sind so viele Kinder arm?

Die Kinderarmut wächst, obwohl die Wirtschaftslage gut ist. Was läuft falsch in Deutschland? Dreißig Sozialverbände fordern in einem gemeinsamen Aufruf, begüterte Familien nicht mehr stärker zu fördern als arme. Ein Interview mit dem Sozialethiker Franz Segbers
von Barbara Tambour vom 10.06.2016
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Die Kinderarmut wächst, obwohl die Wirtschaftslage gut ist. Was läuft falsch in Deutschland? (Foto: pa/Allgöwer)
Die Kinderarmut wächst, obwohl die Wirtschaftslage gut ist. Was läuft falsch in Deutschland? (Foto: pa/Allgöwer)

Publik-Forum: Herr Segbers, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung und dennoch ist jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Wie kommt das?

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Franz Segbers: Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt geht völlig an der Lage armer Familien vorbei. Die bisherigen Konzepte zur Armutsbekämpfung greifen nicht. Wir haben 30 000 Kinder mehr in Armut als im Vorjahr, obwohl es ökonomisch aufwärts geht. Das zeigt: Die bisherigen Leistungen für Kinder und Familien können Kinderarmut offensichtlich nicht verhindern.

Sie haben gemeinsam mit dreißig Sozialverbänden die »Initiative für eine Gesellschaft, in der jedes Kind gleich viel wert ist«, gestartet. Warum?

Segbers: Weil es ein Skandal ist, dass Kinder reicher Eltern vom Staat mehr gefördert werden als Kinder armer Eltern. Und weil der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder im Monat um fünfzig Euro zu niedrig ist. Der Staat hat die Aufgabe, die Schwächsten der Gesellschaft, die Kinder, zu schützen. Das tut er nicht. Er fördert oben mehr als unten.

Aber es gibt doch Kindergeld und den Kinderfreibetrag bei der Steuer.

Segbers: Vom Kinderfreibetrag haben nur Besserverdienende etwas. Sie sparen je Kind 277 Euro an Steuern. Der Normalverdiener erhält fürs erste Kind 190 Euro Kindergeld. Doch bei armen Familien, die Hartz IV erhalten, wird das Kindergeld auf die monatlichen Leistungen angerechnet. Sie bekommen es nicht zusätzlich.

Was wollen Sie erreichen?

Segbers: Wir wollen auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam machen. Wer am stärksten benachteiligt ist, muss die größte Förderung bekommen – nicht umgekehrt! Wir fordern deshalb eine einheitliche Geldleistung für alle Kinder.

Wie hoch soll die sein?

Segbers: Nach unseren Berechnungen müssten es rund 300 Euro sein – für alle Kinder.

Sie sagen: Armut in Deutschland verletzt Menschenrechte. Wieso?

Segbers: Es gibt das Menschenrecht auf eine gute und auskömmliche Ernährung in der UN-Kinderrechtskonvention. Für Essen sind für Kinder bis 13 Jahre im Hartz-IV-Regelsatz 3,60 Euro je Tag vorgesehen. Viel zu wenig! Damit wird das Recht auf Ernährung ganz offensichtlich verletzt.

Über Armut wird kaum geredet in der Politik, und eine breite Armuts- und Gerechtigkeitsbewegung in Deutschland gibt es nicht. Lässt sich das ändern?

Segbers: Wir brauchen eine gesellschaftliche Empörung, die sich nicht damit abfindet, dass es einem Teil der Bevölkerung immer besser geht und der andere abgehängt wird. Unsere Initiative will, dass diese Ungleichbehandlung armer Kinder beendet wird.

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Personalaudioinformationstext:   Franz Segbers, geboren 1949, war bis 2011 Referent für Arbeit, Ethik und Sozialpolitik im Diakonischen Werk Hessen-Nassau und bis 2014 Professor für Sozialethik in Marburg. Gerade bei Publik-Forum erschienen: Franz Segbers. Wie Armut in Deutschland Menschenrechte verletzt. 96 Seiten. 11,90 Euro. Bestell-Nr. 3110 im Publik-Forum-Shop.
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