Was haben Sie gegen Gipfel?
Publik-Forum: Herr Christiansen, warum sollten Christen gegen den G20-Gipfel demonstrieren?
Theo Christiansen: Seit über dreißig Jahren kritisieren Christen fast aller Konfessionen das Weltwirtschaftssystem, weil es auf Ungerechtigkeit beruht und diese kontinuierlich manifestiert. Den Kirchen war schon damals bewusst, wie notwendig es ist, die Erde als »Schöpfung« zu verstehen und sie vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Diese Kritik hat sich seither enorm qualifiziert, hin zu der Forderung nach einer radikalen Transformation. Wir müssen zu einer Weltwirtschaft kommen, die dem Leben aller Menschen verpflichtet ist. Das sollte anlässlich dieses Gipfels in aller Entschiedenheit sicht- und hörbar sein.
Die Nordkirche und viele kirchliche Verbände beteiligen sich am Protest. Dennoch äußern Sie Kritik. Was fehlt Ihnen?
Christiansen: Ich kritisiere, dass die Synode und die Leitung der Nordkirche es sich arg einfach machen. Im Kern sagen ihre Stellungnahmen zum G20-Gipfel, dass Trump, Putin und Co. das Problem darstellen. Das aber ist falsch und für eine Mitgliedskirche des Ökumenischen Rates der Kirchen zu billig. Wo bleibt die Kritik an den Verantwortlichen im eigenen Land? Darauf kann und soll die Evangelische Kirche in Deutschland einwirken. Zum anderen kritisiere ich, dass sich kirchenleitende Personen mit Blick auf die Proteste zu staatsnah verhalten. Gemeinsam mit Vertretern der senatsbildenden Parteien (SPD und Grüne) verantworten sie eine Kundgebung, in der die kirchliche Kritik an dem, wofür G20 steht, kaum noch vorkommt. Es gibt keine offizielle Mitwirkung an anderen Aktionen und Protesten. Damit wird in Form und Inhalt jene Unabhängigkeit gegenüber dem Staat aufgegeben, die es in einer so brisanten Situation bräuchte.
Vielleicht fürchtet man Gewalt?
Christiansen: Alle Erfahrung zeigt: Wer Interesse daran hat, dass Proteste gewaltlos bleiben, sollte sich so früh und so verbindlich wie möglich in den zivilgesellschaftlichen Bündnissen engagieren und gleichzeitig Abstand zum staatlichen Sicherheitsdiskurs halten. Die Leitung der Nordkirche hat sich für den entgegengesetzten Weg entschieden.
Was ist schlecht an Gipfeltreffen?
Christiansen: Ein Treffen als solches ist weder gut noch schlecht. Wirklich schlimm ist die Agenda dieses Treffens. Sie ist nach wie vor von den Paradigmen des Wachstums und des Neoliberalismus geprägt. Beides hat Schäden genug angerichtet.
Was würden Sie sich wünschen?
Christiansen: Es wäre sehr hilfreich, wenn die Nordkirche sich ernsthaft damit befassen würde, welchen Anteil Deutschland an der unheilvollen Entwicklung der Welt hat und was dem entgegengesetzt werden kann. Expertise dafür gibt es genug, auch innerhalb der Kirchen. Wenn dabei die Einsicht herauskäme, in welche politische Abhängigkeit sich die evangelische Kirche begeben hat, wäre auch das ein Gewinn.
Welche Alternativen schlagen Sie vor?
Christiansen: Ich kann nur vorschlagen, wofür ich selbst als Bürger eintrete. Das ist das Engagement dafür, dass deutsche Politik ihren Anteil leistet, den Wandel zu einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise einzuleiten. Davon kann bislang nicht die Rede sein.
Wie könnte es gerechter zugehen?
Christiansen: Die deutsche Afrika-Politik etwa ist nach wie vor an den Interessen der deutschen Wirtschaft ausgerichtet und trägt dazu bei, dortige Märkte zu ruinieren. Die deutsche Klimapolitik versteht sich selbst im Rahmen des Wachstums und bleibt damit in dem Modus, den es zu überwinden gilt.
