Was Mali wirklich hilft
Als westliche Mächte die Beziehungen zu Gaddafi normalisierten und saftige Wirtschaftsverträge bis hin zu Waffengeschäften mit ihm abschlossen, dachten die wenigsten daran, dass ihre Armeen ein Paar Jahre später jenen Waffen gegenüberstehen würden, die sie selbst an Gaddafi verkauft hatten. Doch genau das passiert jetzt in Mali.
Nach dem Fall des Gaddafi-Regimes setzten sich einige »seiner« Tuareg-Kämpfer mit Waffen und Munition nach Mali ab. Darüber hinaus landeten viele der in Gaddafis Waffenlagern geplünderten Waffen in den Händen von Terroristen, die in der Sahel-Zone schon aktiv waren. Dazu zählt vor allem die Al Kaida des Maghreb.
Nicht einzugreifen, wäre unverantwortlich gewesen
Doch damit nicht genug. Zu diesen gewalttätigen Kräften kommt die MNLA hinzu. Diese Bewegung von Tuaregs kämpft für eine weitestgehende Autonomie, wenn nicht sogar Unabhängigkeit des Nordens vom Süden Malis. Anders als die anderen hat diese Bewegung, zumindest bis jetzt, keine religiösen, sondern politische, territoriale und Identitätsfragen in den Vordergrund gestellt. Sie kann deshalb mit der radikal religiösen Rhetorik der anderen nicht viel anfangen, noch weniger mit deren Morden, Vergewaltigungen und Folterungen an allen, die sich ihren Vorstellungen widersetzen.
Die autonomen Tuaregs hoffen deshalb auf die Franzosen. Trotz großer Risiken scheint die militärische Intervention in Mali unvermeidbar – in Anbetracht der Verbrechen der »Islamisten« und deren Absicht, das ganze Land unter ihre Kontrolle zu bringen und nach ihren Gesetzen zu verwalten. Nachdem die Zeit für Alternativen zum Krieg leider nicht genutzt wurde, wäre es unverantwortlich gewesen, tatenlos zuzuschauen.
Allerdings beantwortet die Intervention nicht die zentrale Frage: Wie können in Mali langfristig solide soziale Grundlagen und ein nachhaltig gerechter Frieden geschaffen werden? Der Grund, warum »Islamisten« leicht und schnell große Räume erobern konnten, ist eine schwache Staatlichkeit und das Fehlen jeglicher Institutionen, die für Sicherheit sorgen. Was Mali braucht, ist ein umfassendes Konzept, das politisch eine Demokratie von unten aufbaut, wirtschaftspolitisch nationale Interessen in den Vordergrund stellt und kulturell die Einheit in der Vielfalt bewahrt.
Nur eine gerechte Verteilung des nationalen Reichtums bringt Stabilität
Die malische Elitedemokratie, die bis zu Beginn der Krise noch als Vorzeigedemokratie in Afrika gepriesen wurde, hat versagt. Falsch ist auch die Ausrichtung der Volkswirtschaft auf die Interessen der Eliten und der ausländischen Nutznießer auf Kosten der Armen. Lob für Wirtschaftswachstum war auch schon von westlichen Regierungen in Bezug auf Tunesien zu hören, bis sich die Jugend erhob und deutlich machte, wer von diesem Wachstum profitiert. Auch Mali wurde lange vom Ausland gelobt. Doch wie in Tunesien ist Stabilität ohne gerechte Verteilung des nationalen Reichtums trügerisch. In Mali werden immer mehr Bodenschätze vermutet – sie gehören den Menschen und nicht neokolonialen Interessenten.
All dies können Bomben nicht gewährleisten, es bedarf eines langfristigen und zielgerichteten Engagements, zu dem die selten selbstlosen und oft arrogant auftretenden westlichen Länder bisher nicht bereit waren. Um die kulturelle Vielfalt zu bewahren, brauchen Mali und andere afrikanische Länder keine neue Grenzziehung, sondern ein neues Verständnis von Grenzen und eine Überwindung der kolonialen Grenzziehung. Große nicht funktionierende Staaten schaden dem Kontinent. Kleine Staaten, die nach innen nicht lebensfähig, nach außen aber gefährdet sind, bieten auch nicht die Lösung. Afrika braucht eine gelebte regionale und kontinentale Integration, in der die Potenziale der einzelnen Länder und des Kontinents zur Entfaltung kommen. Wenn die internationale Gemeinschaft dazu beitragen will, hätte die Intervention eine nachhaltige Wirkung. Kuriert sie weiterhin nur Symptome, dann werden den alten Konflikten bald neue folgen.
