Wer sind wir, wenn wir online sind?
Ich starre auf den Computerbildschirm. Eigentlich sollte ich mich auf meinen angefangenen Artikel konzentrieren. Doch das Zerstreuungsangebot des Internets scheint mir im Augenblick weitaus reizvoller: Ich könnte das Netz nach neuen Nachrichten durchforsten, mich von Link zu Link durch das Datendickicht hangeln, Schlagzeilen überfliegen oder mich auf Facebook in eine Flut von Informationen stürzen. Und schon – als hätte der Computer meine Sehnsüchte nach Ablenkung erahnt – poppt rechts unten ein Fenster auf und kündigt mir den Eingang einer E-Mail an. Die Gedanken an den Artikel? Vergessen.
Dass das Netz durch ständige Unterbrechungen und Reizüberflutung die Konzentration hemmt – diese Erfahrung ist auch der Ausgangspunkt des US-amerikanischen Schriftstellers Nicholas Carr in seinem Buch »Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn so lange?«: Nach jahrelanger Nutzung des Internets stellt der Literaturwissenschaftler fest, dass es ihm zunehmend schwerfällt, dicke Bücher zu lesen, sich zu konzentrieren und intensiv nachzudenken. Stattdessen hungert sein Gehirn pausenlos nach neuen Informationshappen und Reizen. Seine Gedanken schweifen schnell ab.
Sporttaucher im Meer der Worte
»Einst war ich ein Sporttaucher im Meer der Worte. Heute rase ich über die Oberfläche wie ein Typ auf einem Jet-Ski«, lautet Carrs persönlicher Befund, der ihn angesichts des unumkehrbaren Internetbooms besorgt macht. Mehr als zwei Milliarden Menschen nutzen weltweit das Netz. Täglich werden es mehr. Und obwohl das Internet erst seit zwanzig Jahren verbreitet ist, hat es die Arbeitswelt vieler Menschen revolutioniert: Im Minutentakt werden Webseiten aktualisiert und E-Mail-Postfächer gecheckt. Ein Leben offline? Undenkbar.
In seinem Buch sucht Carr daher nach einer Antwort auf die Frage: Wie verändert die Onlinewelt unser Gehirn? Eine wachsende Zahl psychologischer und neurologischer Studien stützt seinen Verdacht: Das Internet verflacht unser Denken. »Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert«, schreibt Carr.
Geistlose Datenkonsumenten
Als Beleg für seine These führt der Autor, der bereits im Sommer 2008 mit dem Aufsatz »Macht Google uns dumm?« im Magazin The Atlantic eine Debatte entfachte, eine Vielzahl an Forschungsergebnissen an: Probanden, die mit Links gespickte Hypertexte lesen, verstehen weniger als diejenigen, die sich mit gedruckten Wörter in herkömmlichen »linearen« Texten beschäftigen. Mit Fotos, Klängen und Videos aufbereitete Multimedia-Technologien führen nicht zu größeren Lernerfolgen, sondern zu Desorientierung und Überforderung. Wo hastiges Zappen per Mausklick die Lektüre ersetzt, werden Menschen für Carr zu »geistlosen Datenkonsumenten«, die mehr erfahren und weniger wissen.
Multitasker wissen weniger
»Immer mehr Zeitgenossen sind dauernd mit der ganzen Welt verbunden, aber um den Preis, dass sie sich immer weniger mit ihr auseinandersetzen, weil sie immer weniger dazu fähig sind«, schreibt auch der Psychiater Manfred Spitzer in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Ein eindringliches Beispiel dafür, wie Internetnutzern die Welt abhandenkommen kann, ist für Spitzer das sogenannte mediale Multitasken: Vor allem junge Menschen wechseln im Netz zunehmend zwischen unterschiedlichen Aktivitäten hin und her und versuchen, indem sie mehrere Medien auf einmal nutzen, viele Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten.
Doch während einige Medienpädagogen behaupten, dass Multitasker schneller und effektiver denken, zeigt eine von Carr zitierte Studie der Stanford University ein anderes Bild: Bei zwei Gruppen von Versuchspersonen – einer mit routinierten Medienmultitaskern und einer, deren Probanden gänzlich ungeübt darin waren – schnitten die Multitasker bei allen Tests schlechter ab: Sie hatten weniger Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit, ließen sich schneller ablenken und waren wesentlich seltener in der Lage, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Überraschenderweise fiel es ihnen sogar schwerer, zwischen zwei Aufgaben zu wechseln. Intensive Multitasker seien »süchtig nach Irrelevanz«, kommentiert der Stanford-Forscher Clifford Nass. »Alles lenkt sie ab.«
Spuren im Gehirn
Carr selbst wählt für den Einfluss des Internets ein weitaus drastischeres Bild: Die Interaktivität des Netzes »macht uns zu Laborratten, die unaufhörlich Knöpfe drücken, um an kleine Bröckchen sozialer oder geistiger Nahrung zu gelangen.« Ein solches Dasein wäre wohl noch erträglich, wenn die Effekte auf das Internet und die Zeit, die wir online verbringen, beschränkt blieben. Doch Carr zerstört diese Hoffnung: Das Netz verändert unser Denken, selbst wenn wir den Computer ausschalten.
Den Beweis für diese These liefert seines Erachtens die Hirnforschung. Deren wichtigste Erkenntnis lautet: Das Gehirn verändert sich durch seinen Gebrauch. Alles, was wir tun und denken, verstärkt bestimmte neuronale Pfade und schwächt andere. »Durch zunehmende Internetnutzung gewöhnen wir unser Gehirn immer mehr daran, abgelenkt und zerstreut zu werden«, schreibt Carr. »Unser Gehirn wird immer besser im Vergessen und verlernt dabei das Erinnern«: Durch das pausenlose Informationsbombardement im Netz strömen ständig Daten durch unser Kurzzeitgedächtnis, ohne je im Langzeitgedächtnis gefestigt zu werden. »Information frisst Aufmerksamkeit«, wusste schon vor gut vierzig Jahren der Entscheidungsforscher Herbert Simon. Oder in den Worten des Philosophen Seneca: »Wer überall ist, ist nirgendwo.«
Einleuchtend klingt das. Doch ist Carrs Pessimismus tatsächlich angebracht? Macht das Internet oberflächlich und dumm? Schließlich ist das Netz auch Inbegriff Tausender Möglichkeiten und ein Weg, um allen Menschen Zugang zu Wissen zu bieten. Und so sind Carrs Ausführungen letztlich ein neues Beispiel für eine alte Erkenntnis: Fortschritt hat einen Preis. Egal ob Buch, Radio oder Fernsehen – jedes Massenmedium hat die Welt neu geordnet.
Selbstschutz reicht nicht aus
Welchen Preis wir im Falle des Internets zahlen, ist bislang noch offen. Entscheidend wird sein, ob wir lernen, mit der Datenflut im Netz richtig umzugehen. Angesichts der Gefahr, durch die Onlinewelt unkonzentriert, zerstreut, nervös und vergesslich zu werden, setzen bereits heute immer mehr Menschen auf Selbstschutz: Sie loggen sich aus und schalten ab. Mit bewussten Phasen der Internetabstinenz und »E-Mail-Sabbaticals« wollen sie sich vor der Ablenkungsmaschine Internet schützen.
Doch selbst verordnete Netzdiäten sind alles andere als einfach: Selbst für Carr folgte auf eine kurze Phase des Onlineentzugs ein umso stärkerer Rückfall. Allein die Willenskraft des Einzelnen reicht wohl nicht aus. Damit im Zeitalter des Internets das Denken nicht auf der Strecke bleibt, fordert FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher daher eine gemeinsame Strategie: »Wir werden in Schulen und Arbeitsplätzen Kontemplation so fördern müssen, wie wir vor hundert Jahren gelernt haben, den Sport zur Pflicht zu machen.« Und wer weiß? Vielleicht werden zerstreute Onlinesurfer wie Carr dann auch wieder zu Tiefseetauchern.
