Zur mobilen Webseite zurückkehren

»Wir müssen etwas ändern«

Du bist nicht so knallhart, wie es in der Politik nötig wäre, sagen manche Sandra Tiedtke, 28, die für die Piraten in den Bundestag einziehen möchte. Sie antwortet, dass sie einfühlsam bleiben und Politik für Menschen machen will. Publik-Forum.de interviewt vor der Bundestagswahl Politikerinnen und Politiker unter 35
von Bettina Röder vom 24.08.2013
Artikel vorlesen lassen
Ganz normale Menschen sollen Politik machen, meint die Piratin Sandra Tiedtke, Sie will sich für mehr Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen einsetzen (Fotos: PA /Hellier; VRD - Fotolia.com; Privat)
Ganz normale Menschen sollen Politik machen, meint die Piratin Sandra Tiedtke, Sie will sich für mehr Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen einsetzen (Fotos: PA /Hellier; VRD - Fotolia.com; Privat)

Was würden Sie an Ihrem ersten Tag im Bundestag auf keinen Fall tun?

Anzeige
loading

Sandra Tiedtke: Ich glaube, ich gehe nicht in die Kantine essen. Weil ich so aufgeregt sein werde an meinem ersten Tag, dass ich überhaupt nichts essen kann. Ich habe da Angst, dass ich Magengrummeln habe. Wie gesagt, ich werde sicher sehr, sehr aufgeregt sein.

Was hat Sie in die Politik getrieben?

Tiedtke: Gerade weil viele sagen »kannst ja doch nichts machen«, bin ich in die Politik gegangen. Weil ich sage, wir müssen etwas ändern, wir müssen das gemeinsam tun, damit es gelingt. Wegen dieser Einstellung sagen mir auch viele Menschen, du bist ja nicht so knallhart, wie das in der Politik nötig wäre. Darum geht es mir aber nicht. Ich möchte, dass ganz normale Menschen Politik machen, die auch einfühlsam sind, auch mal einen schlechten Tag haben und die menschlich bleiben, in dem was sie tun und auch ganz nah an den Menschen dran sind. Deswegen übrigens bin ich auch bei den Piraten: weil das die volksnächste Partei ist, eine Partei der Bürgerbeteiligung.

Ich möchte weiter zur Bürgerbeteiligung und Transparenz beitragen, dass wir alle Menschen informieren, dass sie sich aber auch informiert und beteiligt fühlen. Und sich einbringen können. Also, nicht nur alle vier Jahre ein Kreuz machen. Sondern auch aktiv mitgestalten. Die Menschen sagen doch, hier kann sich nichts ändern, weil sie eben nicht oder nur wenig beteiligt werden. Das möchte ich ändern, genau da schlägt mein Herz und darum will ich auch in den Bundestag.

Mir geht es gut, ich bin ein glücklicher Mensch und dann merke ich eben, was es für Probleme rundum gibt. Nehmen Sie nur das Problem von Hartz IV. Da werden die Menschen bis auf die Unterhose ausgezogen, da werden die Kontoauszüge geprüft. Und das kann doch nicht sein, dass Menschen im reichen Deutschland nur dann überleben können, wen sie sich vor dem Staat nackt machen. Wir Piraten wollen übrigens darum auch für alle ein Grundeinkommen. Für mich persönlich völlig unverständlich sind aber auch die verschiedenen Tarife in Ost und West. Dass Menschen unterschiedlich bezahlt werden, 24 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Falls Sie nicht gewählt werden: Wie lautet Ihr Plan B?

Tiedtke: Wenn ich nicht gewählt werde, freue ich mich wieder darauf, am nächsten Tag in meinen Beruf zu gehen und meinen Job zu machen. Ich bin Verwaltungsfachangestellte in Dessau. Und dort im Rechnungsprüfungsamt. Wir prüfen, wie viel Geld ausgegeben wurde und was damit geworden ist. Als Piratin sage ich, o.k., jetzt hole ich Atem und dann geht’s los: »Feuer frei«. Wir haben hier im nächsten Jahr Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt und die Europawahl steht ja auch noch an. Wenn wir es als Piraten nicht schaffen in den Bundestag zu kommen? Uh, da möchte ich jetzt keine Prognose abgeben. Da hängt viel zu sehr mein Herz dran.

Ohne was oder wen an Ihrer Seite könnten Sie den Wahlkampf nicht überstehen?

Tiedtke: Wir sind in Sachsen-Anhalt 600 Piraten, da halten wir natürlich zusammen, unterstützen uns. Sehr persönlich möchte ich aber sagen, dass es meine Familie ist, die hinter mir steht. Ich habe eine Mama und einen Papa und einen Halbruder und zwei Stiefschwestern. Die halten alle zu mir. Die sagen, Sandra, egal was passiert im Wahlkampf, egal, was am 22. September ist, wir lieben Dich, wir stehen hinter Dir. Das gibt mir ganz viel Sicherheit. Ich weiß, egal was passiert, ich habe meine Familie hinter mir.

Die gibt auch nichts auf Zeitungsmeldungen oder sonst was. Das ist übrigens auch bei meinem Freundeskreis so, der mir auch sehr wichtig ist. Wie auch die Verwandten fragen sie: Wann kommst Du mal im Fernsehen, können wir eins von Deinen Plakaten haben, die wollen wir vor die Tür hängen. Das gibt ganz viel Kraft.

Haben Sie bestimmte Tagesrituale, auf die Sie nicht verzichten möchten

Tiedtke: Ich höre sehr gern Musik und beginne damit meinen Tag, das ist das erste für mich, wenn ich wach werde und die Augen aufmache. Früher habe ich morgens immer Kaffee getrunken, das war mir wichtig, aber dazu habe ich im Wahlkampf keine Zeit mehr, weil ich, ehrlich gesagt, morgens auch ein bisschen trödle. Aber vielleicht ist das ja auch ein Ritual, dass ich es nicht mehr tue.

Haben Sie ein politisches Vorbild?

Tiedtke: Also ganz persönlich finde ich das schwierig. Jeder ist doch jeden Tag in gewisser Weise politisch. Für mich ganz persönlich ist es so, dass ich viele Menschen bewundere. Wie meine Mutter, die seit über 50 Jahren so viele Dinge gemeistert hat. Oder sei es mein guter Freund, der gerade den Beruf gewechselt hat und so diszipliniert dabei ist. Aber – und das ist ganz wichtig – dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass es eben nicht den Übermenschen gibt, der so groß ist, dass er einen Vorbildcharakter hätte. Das lehne ich ab.

Woran glauben Sie?

Tiedtke: Ich bin katholisch und war mit meiner Oma ganz oft in der Kirche. Später bin ich wegen des Religionsunterrichts sitzen geblieben. Seitdem ist es aus. Darum sage ich heute auch als Piratin, es kann nicht sein, dass Kinder gezwungen werden, in der Schule den Religionsunterricht zu besuchen. Und heute? Ich glaube an das Gute im Menschen: Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten, ohne Schranken und ohne sie in ein Schema zu zwängen, dann tun sie das auch. Wir müssen nur die Voraussetzungen dafür schaffen.

Sind Sie noch Politikerin, wenn Sie 40 sind?

Tiedtke: Oh, je, das ist ja in zwölf Jahren! Wie gesagt, jeder Mensch ist doch irgendwie politisch. Natürlich werde ich mit 40 immer noch politisch engagiert sein, mich einbringen. Da, wo ich nützlich sein kann, der Gesellschaft helfen kann. Ja, auf alle Fälle wird das so sein!

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Sandra Tiedtke ist 28 Jahre alt und kandidiert für die Piraten in Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt für den Bundestag. Sie ist zudem Spitzenkandidatin auf der Landesliste der Piraten.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0