»Wir trinken auf Hans Küng!«
Der Chor nennt sich La Voix des Arcanges, »die Stimme der Erzengel« – und die selbstbewusste Namensgebung ist keineswegs übertrieben. In der Paroisse du Saint Esprit de la Sagesse, der Pfarrgemeinde »Heiliger Geist der Weisheit« im Stadtviertel Mutanga Sud, gibt es keine Bäume, keine geteerte Straße, sondern ärmliche Häuschen und Hütten, roten Boden und jede Menge Staub. Gut siebzig Sängerinnen und Sänger wiegen sich im mehrstimmigen Choralgesang – und die gesamte Gottesdienstgemeinde, an die eintausend Leute, swingt mit. Ja selbst der rote Staub auf dem Platz vor der »Kirche« scheint mitzutanzen.
Singende Erzengel: Die trifft man nicht nur im Himmel, sondern auch in Burundi
Die Musik ist überwältigend. Viele im Blechhangar, der als Kirche dient, weinen vor Rührung und singen lauthals mit. Kraftvoll, mal laut mal leise, singen die Erzengel, begleitet von Schlagzeug, Keyboard und E-Gitarre.
Wie heißt der Chorleiter? Elvis. »Wir üben immer freitagabends«, sagt Elvis, »wir sind insgesamt fünf Chöre in der Gemeinde.« Elvis lässt keinen Zweifel daran, dass die Arcanges, die singenden Erzengel, ein großer Aktivposten sind im Leben der progressivsten katholischen Gemeinde in Burundi.
Abbé Adrien Ntabona leitet die Pfarrei. »Wenn ich entscheiden müsste zwischen Ratzinger und Küng, würde ich immer theologisch zu Hans Küng halten«, sagt der hoch gewachsene 73-Jährige im blau-bunten afrikanischen Langarmhemd gleich nach der Begrüßung.
Der festliche Gottesdienst, den er soeben feierte, lässt viel aus Deutschland erlebten Kirchenärger vergessen. Frauen lesen das Evangelium und teilen die Kommunion in die Hände der Gläubigen aus. Das ist nicht selbstverständlich in Afrika. Ein junger Hutu tanzt, wie ein junger Gott der Region, zum Abschlusschoral, der mit eigenem Rhythmus der alten deutschen Weise »Fest soll mein Taufbund immer stehen« folgt. »Zwanzig Jungs aus dem ärmsten Teil der Pfarrei bilden unsere Tänzergruppe, die mit unserer Art Breakdance die Gottesdienste verschönern«, berichtet Abbé Adrien, und fügt hinzu: »Es war echte Arbeit, die Jungen zu gewinnen. Ich bin sehr stolz auf sie.«
Der Gott der Teenager lässt sich zwei Stunden lang feiern
Der Gott in Saint Esprit de la Sagesse ist nicht nur ein Gott der älteren Generation, wie in so vielen Gemeinden in Europa. Hier ist Gott auch der Gott der Teenager.
Zwei Stunden dauert die Messe. Viel wird gesungen, und manchmal ist es in dem Hangar mit den tausend Leuten ganz still, bis auf das Husten der vielen Kleinkinder. Als der Priester bei der Wandlung die Hostie und den Wein hochhebt, als Leib und Blut Christi, da herrscht keine versunkene Stille, nein, die gesamte Gemeinde klatscht begeistert Beifall.
Pfarrer Adrien hat die Gemeinde 1996 gegründet: Aus den Tutsi-Familien, die rund um den Kirchenschuppen leben, den Studierenden der nahen National-Universität, den in Armut lebenden Hutu-Kleinbauern auf den steilen Berghängen oberhalb der Kirche. »Es war schwer, aus der Tutsi-Gemeinde eine interethnische Pfarrei zu machen«, erzählt Adrien. Wie das gelang? Wir haben die jungen Frauen und Männer der katholischen Studentengemeinde dazu ermutigt, auf die Hügel hochzugehen und den Kleinbauern zu helfen. Sie haben 140 Häuschen für verarmte Familien gebaut – und schließlich wussten die Hutu: Saint Esprit de la Sagesse, das ist auch unsere Gemeinde.«
Abbé Adrien schickt Friedensboten auf die Hügel
Der Geistliche Adrien Ntabona ist der bekannteste Befreiungstheologe in Burundi. Seit vielen Jahren arbeitet er in der Organisation der afrikanischen Befreiungstheologen aktiv mit. Er lehrt an der Universität als Professor Anthropologie und Sprachwissenschaft. Einen internationalen Ruf besitzt Ntabona, seit es ihm gelang, die nationale Vereinigung der traditionellen Weisen und Friedensrichter zusammenzubringen, die auf jedem der tausend Hügel Burundis Vertreterinnen und Vertreter hat und bei Konflikten Frieden zu schaffen versucht.
»Theologisch arbeite ich für eine echte Inkulturation des christlichen Glaubens in unsere Kulturen in Zentralafrika«, sagt Abbé Adrien und eröffnet die Freundschaftszeremonie des Miteinander-Bananenbier-Trinkens. Jede und jeder taucht seinen Strohhalm in die Kalebasse mit dem gelblichen, säuerlich-alkoholischen Festgetränk. »Erstmal trinken wir auf Hans Küng«, ruft Adrien fröhlich und lacht.
Als er vorschlug, den Ritus der Firmung auf drei wichtige Lebenszeiten zu verteilen – Pubertät, erste Elternschaft und Alter (das hier mit 40 Jahren beginnt) –, wurde der Vatikan hellhörig. »Der Bischof musste mich einbestellen. Ich schlug ihm vor, dass ich die Antwort formuliere und der Bischof sie dann unterzeichnet und an die Liturgiebehörde in Rom schickt.« Der Bischof willigte ein. Rom antwortete nie. »Ich vermute, die haben meine Argumentation nicht verstanden«, sagt Abbé Adrien.
