»Wirtschaftswachstum darf kein Ziel mehr sein«
Publik-Forum: Welche Idee steckt hinter den Konzepten von Postwachstum oder Degrowth?
Angelika Zahrnt: Die Ausgangsbasis ist, dass die bisherige Art des wirtschaftlichen Wachstums nicht fortgesetzt werden kann und zu ökologischen und sozialen Katastrophen führt. Deshalb muss die Wachstumsgesellschaft in den Industriestaaten transformiert werden zu einer Postwachstumsgesellschaft, die sich von dem Ziel des Wirtschaftswachstums gelöst hat und wachstumsunabhängig ist. In einer Postwachstumsgesellschaft gefährdet ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung nicht die soziale und wirtschaftliche Stabilität, aber Schrumpfen ist kein Ziel an sich (wie beim Degrowth-Konzept). Zentral ist, dass die ökologischen Belastungsgrenzen eingehalten und die Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Insgesamt gibt es aber eine große Übereinstimmung zwischen beiden Konzepten. Es geht darum, andere Werte zu entdecken, kooperative Formen des Wirtschaftens, und das Problem der sozialen Ungerechtigkeit anzugehen. Das ist keine leichte Aufgabe. Denn an dem Wachstum hängt derzeit sehr viel, weil wir in den letzten 60 Jahren unsere Institutionen darauf aufgebaut haben, die Pensionsversicherungen, das Gesundheitswesen, die öffentlichen Haushalte, alles ist damit verwoben.
Was kann eine andere Orientierungsmarke sein?
Zahrnt: Der Maßstab muss Ökologie und soziale Gerechtigkeit sein. Die Philosophie des Immer-mehr war auch ein Stück weit sozialer Kitt, Wachstum sollte Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich schaffen. Wenn das wegfällt, werden die sozialen Fragen viel dringender. Daher brauchen wir eine andere Verteilung von Einkommen und Vermögen, etwa durch die Steuerpolitik, um den sozialen Ausgleich zu ermöglichen.
Muss der Wandel also politisch gesteuert werden?
Zahrnt: Der Prozess muss auf internationaler und nationaler Ebene durch eine Veränderung der Rahmenbedingungen gesteuert werden, etwa durch eine ökologische Steuerreform, die Energie und Ressourcen teurer macht. Gleichzeitig muss die Kommunalpolitik dafür sorgen, dass man mit weniger Einkommen gut leben kann in den Städten. Dafür sind öffentliche Einrichtungen wie Schwimmbäder oder Bibliotheken wichtig. Die Commons, die Allgemeingüter, sollten erhalten und durch Investitionen gestärkt werden.
Ist »Grünes Wachstum« durch den Einsatz von umweltfreundlicher Technik eine Alternative?
Zahrnt: Nein, Green Growth stellt das Wachstumskonzept nicht infrage und technische Verbesserungen führen wegen des so genanntes Rebound-Effekts oft nicht zu weniger Schadstoffbelastung. Mit dem schadstoffarmen Auto wird mehr gefahren, der neue Kühlschrank ist zwar energieeffizient, aber dafür größer. Das frisst die Einsparung auf. Deshalb muss man nicht nur an der Technik sondern auch am menschlichen Verhalten ansetzen. Neben Effizienz ist Suffizienz wichtig.
Was muss in der Gesellschaft passieren?
Zahrnt: Wichtig ist, dass es Menschen gibt, die sagen, ich will nicht warten, bis die Rahmenbedingungen geändert sind, sondern jetzt schon anfangen, mit weniger Gütern auszukommen. Etwa indem sie Dinge reparieren und nicht wegzuschmeißen, im Second Hand-Laden einkaufen oder Tauschbörsen organisieren
Alle großen politischen Parteien halten am Wachstum fest. Die vorsichtigen Vorschläge, die von der Enquetekommission des Bundestags »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« gemacht wurden, werden bisher nicht umgesetzt. Wie lässt sich das Dogma des Wachstumszwangs durchbrechen?
Zahrnt: Es ist enttäuschend, wie wenig die Enquete-Kommission des Bundestages gebracht hat. Wenn es nicht gelingt, auf der parlamentarischen Ebene etwas zu verändern, dann muss man sich überlegen, welche Kräfte den Wandel trotzdem bewirken können. Wir dürfen nicht warten, bis sich die Rahmenbedingungen ändern.Die Leipziger Degrowth-Konferenz mit mehr als 3000 Teilnehmern hat gezeigt, dass viele Menschen das Thema bewegt.
Und wie bringt man die Ideen für einen sozial-ökologischen Umbau in die Mitte der Gesellschaft?
Zahrnt: Es ist wichtig, der jetzigen Konsumkultur andere Lebenspraktiken gegenüberzustellen, so dass sie für jeden sichtbar werden. Ein Urban Gardening-Projekt in Berlin etwa ist zur Attraktion geworden. Die Leute schauen sich an, wie aus einer Brachfläche bunte Gärten werden. Sie sehen, dass solche selbstorganisierten Initiativen funktionieren und machen es nach. Oder sie begrünen Verkehrsinseln mit Wildblumen. Das ist eine andere Kultur, mit öffentlichen Flächen umzugehen. Und es transportiert einen anderen Lebensstil.
Aber die meisten Menschen setzen weiter auf Konsum.
Zahrnt: Klar, das beherrschende Bild sind die Shopping-Center und die Riesenläden, Geiz ist geil ist ein gängiger Slogan. Aber es gibt auch andere Slogans: »Was macht Ihr Geld im Kindergarten? – Sinn«, womit die GLS-Bank wirbt. Die konsum- und wachstumskritische Haltung zieht inzwischen Kreise. Viele junge Wissenschaftler denken darüber nach, wie andere Unternehmensformen gestärkt werden können oder wie sich das Bankensystem ändern muss. Wir müssen wissen, welche Alternativen es gibt. Auch die Stimmung bei Konferenzen hat sich geändert. Es gibt nicht mehr die Haltung, wir sind auf verlorenem Posten, sondern es gibt neuen Schwung und Selbstbewusstsein.
Welchen Platz haben sozial benachteiligte Menschen bei diesen neuen Konzepten und Bewegungen?
Zahrnt: Die haben einen ganz wichtigen Platz. Wenn wir die Arbeitszeit allgemein reduzieren würden, könnten wir uns der Vollbeschäftigung annähern, damit diejenigen, die heute von Hartz-IV leben, wieder Arbeit bekommen. Es gibt auch Überlegungen für ein allgemeines Grundeinkommen, das jedem Bürger gezahlt wird. Auch Selbstversorgung hilft. Selbst Gemüse anzubauen oder in einer Lebensmittelkooperative dabei zu sein, ermöglicht auch ein Leben mit weniger Geld. Das sollte kein Makel sein sondern ein Ziel, für das es sich lohnt, sich anzustrengen, auch für diejenigen, die nicht arm sind. Initiativen wie Urban Gardening oder Wohnprojekte bemühen sich, sozial Benachteiligte einzubeziehen. Etwa die »Internationalen Gärten«, die von Flüchtlingsfrauen gegründet wurden.
Und wenn es nicht gelingt, das Wirtschaftssystem zu ändern?
Zahrnt: Das ist relativ gut belegt, was dann passiert. Dann geraten wir in die Klimakatastrophe. Dann wird die Bodenfruchtbarkeit weiter abnehmen, die Meere werden überfischt werden, wir haben Wasserknappheit und Kriege um die letzten Ressourcen. Es wird große Flüchtlingsströme geben. Ein kanadischer Forscher hat einmal gesagt, die Postwachstumsgesellschaft wird kommen, »by design or by desaster«. Entweder wir gestalten sie vorausschauend, oder sie kommt durch Katastrophen.
