Predigen gegen den Strandurlaub
Einst galt die vom türkischen Staatsgründer Atatürk geschaffene Religionsbehörde Diyanet als Garant für eine säkulare Türkei. Doch unter Präsident Erdoğan wurde sie nach Ansicht vieler Beobachter mehr und mehr zu einem Instrument der Spionage und der Islamisierung. Seit einiger Zeit hat die Behörde das Recht, missliebige Koran-Übersetzungen zu verbieten und zu vernichten (Publik-Forum 6/2025, Seite 12). Die von ihr verschickten Freitagspredigten folgten zunehmend einer konservativen Auslegung des Koran, beobachtet der islamische Reformtheologe Ishan Eliacik. So wurde beispielsweise Strandurlaub als westlich kritisiert. Jüngst sorgte eine Predigt zum Erbrecht, die in 90 000 türkischen Moscheen verlesen wurde, für Empörung. Darin hieß es: Eine Änderung der von unserem allmächtigen Herrn festgelegten Erbteilung ohne gegenseitige Zustimmung widerspricht der göttlichen Gerechtigkeit. Das wurde in der Öffentlichkeit so verstanden, dass Frauen sich mit der Hälfte ihres gesetzlichen Erbteils zufriedengeben sollen, weil sie nach der klassischen Lehre nur die Hälfte des Anteils erhalten, den Männer erben. Das sei ein Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit und das Prinzip des Säkularismus, protestierten türkische Frauenrechtlerinnen. Vizeparlamentspräsident Bekir Bozdag (AKP) betonte, die Ermahnung von Gläubigen und die Erteilung von Ratschlägen durch das Religionsamt sei von der Verfassung gedeckt. Es stehe jedem Bürger frei, den Rat anzunehmen oder nicht.
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