Zur mobilen Webseite zurückkehren

Fasten: Lust auf Verzicht

Nach den tollen Tagen beginnt für Christen die Fastenzeit. Doch nicht nur religiös gestimmte Menschen verzichten vor Ostern auf Essen. Manche fasten, weil es gesund ist, andere lassen Süßigkeiten, Alkohol oder Internet-Surfen weg. Wie gelingt das Fasten? Und wozu ist es gut? Unsere Leserfrage
von Markus Dobstadt vom 14.02.2013
Artikel vorlesen lassen
Fasten kann innere Klarheit und ein Gefühl von Leichtigkeit hervorrufen, wenn es richtig angegangen wird: Die am häufigsten gewählte Fastenkur nach Buchinger empfiehlt, nur  Wasser und Tee auch Säfte und Gemüsebrühen zu sich zu nehmen (Foto:  photophonie/Fotolia.com)
Fasten kann innere Klarheit und ein Gefühl von Leichtigkeit hervorrufen, wenn es richtig angegangen wird: Die am häufigsten gewählte Fastenkur nach Buchinger empfiehlt, nur Wasser und Tee auch Säfte und Gemüsebrühen zu sich zu nehmen (Foto: photophonie/Fotolia.com)

Margret Hillers, Frankfurt: Ich interessiere mich für das Thema Fasten. Was ist der tiefere Sinn der Fastenzeit und wo kann ich darüber Informationen finden?

Anzeige
loading

Wer das Wort »fasten« bei Google eingibt, erhält rund 19 Millionen Einträge. Es gibt Heilfasten auf Sylt, Fastenwandern auf Mallorca, Klöster und Kurorte machen spezielle Angebote – eine unübersehbare Vielfalt, die zeigt: Fasten liegt im Trend. Es ist gesund, es »versetzt den Körper in einen Zustand, in dem die vitalen Kräfte des Körpers genutzt werden, um die Gifte aus dem Körper hinauszubefördern«, heißt es etwa auf der Webseite fastenzeit.com. Das Wort Fasten kommt demzufolge vom Mittelhochdeutschen »vaste« für »fest«, »befestigen«. Wer fastet, befestigt sich also in gewisser Weise selbst und trägt zu seiner Stabilität bei.

Glückgefühle im Bauch

Man sollte es allerdings gut vorbereiten. Es fängt schon mit der Zielsetzung an: »Fasten ist kein probates Mittel zur Gewichtsreduzierung«, heißt es auf einer Ratgeberseite. Der Körper verstehe diese Zeit als »Mangelphase« und reduziere seinen Stoffwechsel, um überleben zu können. Doch die Gefahr eines anschließenden Jojo-Effekts ist groß. Denn anschließend versucht der Körper, »alle während der Fastenzeit verbrauchten Kalorien wieder anzusammeln und darüber hinaus neue Fettdepots für weitere Mangelperioden anzulegen.« Der Ratgeber empfiehlt: Beim ersten Mal nicht länger »als drei bis sieben Tage« fasten. Und: Fasten ist nur etwas für Gesunde. Wer geschwächt ist, sollte davon die Finger lassen. Auch für alte Menschen und Kinder ist es nichts. Es empfiehlt sich, vor Beginn einer Fastenkur immer den Arzt zu fragen.

Wer sich aber mit Lust an den Verzicht macht, der kann nach vier bis fünf Tagen regelrechte Glücksgefühle empfinden: »Sie spüren eine neue Leichtigkeit des Seins, eine Hochstimmung, die Sie manchmal richtig schweben lässt«, heißt es auf der Seite »online-fasten«. Der Grund für die »Fasteneuphorie« ist, dass der Körper den Botenstoff Serotonin ausschüttet, ein Glückshormon, das »auf das gesamte Gehirn harmonisierend« wirkt, es »dämpft die überschießende Erregung einzelner Hirnareale« und »mindert dadurch Angstgefühle, Depressionen, Unruhe«, erklärt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther auf welt.de.

Vielfalt der Methoden

Doch wie geht Fasten? Das hängt von der Methode ab, die man wählt. Franz Xaver Mayr (1875 bis 1965) entwickelte etwa die heute als »Milch-Semmel-Kur« bekannte Methode. Es gibt darüber hinaus Saftfasten, Früchtefasten, beim Molke-Fasten nimmt man während des Tages einen Liter Molke zu sich, dazu etwas Obstsaft und kohlensäurefreies Wasser. Auch Hildegard von Bingen gab Empfehlungen zum Thema Fasten. Die bekannteste Methode hat vermutlich der 1878 in Darmstadt geborene Otto Buchinger entwickelt. Eine Heilfastenkur soll ihn von seinem chronischen Gelenkrheuma geheilt haben.

Bei ihm nahmen die Fastenden außer Wasser und Tee auch Säfte, Honig und Gemüsebrühen zu sich, unter Umständen bekamen sie auch Magnesium und andere Zusätze, heißt es bei fastenzeit.com. Buchinger begründete laut Wikipedia die Wirksamkeit des Heilfastens damit, dass der Organismus gereinigt und die Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Er benutzte dafür den Begriff »Entschlackung«. Begonnen wird meist mit einer Darmreinigung, etwa durch die Einnahme von Glaubersalz. Bei Buchinger umfasst das Fastenprogramm nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) außerdem Bewegung an der frischen Luft, eine Entspannungstherapie, Massage, Bäder, Krankengymnastik sowie Psychotherapie. Die Fastenkur nach Buchinger wird meist in Kliniken angeboten.

Fasten, um sich Gott zu nähern

Viele Menschen fasten aber nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Die Nahrungsreduzierung hat eine religiöse Tradition. Jesus fastete 40 Tage in der Wüste. Das Konzil von Nicäa im Jahr 325 n.Chr. kannte bereits eine 40-tägige Fastenzeit vor Ostern. Diese Fastentage wurden aber nicht an einem Stück abgehalten. So legte Papst Gregor I. im 7. Jahrhundert eine Zeit von 40 Tagen in Folge als Fastenzeit vor dem Ostertag fest. Wie auch schon die damalige Adventszeit waren diese Wochen eine Zeit der Vorbereitung für die Täuflinge, die in der Osternacht getauft wurden, heißt es auf der Seite der evangelischen Landeskirche Baden.

Auch andere große Religionen kennen Fastenzeiten. Im Judentum wird am Jom Kippur-Tag nichts gegegessen, nichts getrunken, nicht geraucht und nicht gearbeitet. Dadurch sollen die Gläubigen ihre Sünden sühnen. Daneben kennt das Judentum fünf weitere Fastentage, zum Gedenken an herausragende Ereignisse in der Geschichte. Im Islam ist das Fasten eine der fünf Säulen der Religion, neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Wallfahrt und den Almosen. Der Fastenmonat Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondjahres. Aber richtig gefastet wird nicht, nach Sonnenuntergang beginnt das Fastenbrechen, die Familien treffen sich dann und essen gemeinsam.

Mönche umgingen Fastenregeln der Kirche

Doch nicht alle, die sollten, fasteten auch wirklich. Erfinderische Christen fanden Mittel und Wege, das Gebot ungestraft zu umgehen. Ordensbrüder kamen mit Starkbier durch die asketische Zeit, getreu der Regel: »liquidum non frangit ieiunium – Flüssiges bricht Fasten nicht«, und erfanden die Maultaschen, in denen sie das Fleisch versteckten. Im 16. Jahrhundert erlaubte die Kirche, Schokolade in der Fastenzeit zu essen. Erlaubt wurde es auch, den Biber zu verspeisen, dafür wurde der zum Fisch erklärt, denn Fische zu essen war in der Fastenzeit gestattet.

Heute ziehen sich nicht selten fastende Menschen ins Kloster zurück. Die Zisterzienserinnenabtei Klosterstift St. Marienthal bietet etwa Fastenwochen nach Buchinger an. Die Teilnehmer erhalten Kräutertees, Wasser, Obst- und Gemüsesäfte und einmal täglich eine leichte Gemüsebrühe mit frischen Kräutern.

»Fasten ist das Paradox schlechthin«, schreiben die Zisterzienserinnen: »Gewinn durch Verlust, Zunahme durch Abnahme, das Geringere ist das Größere ... das Fasten als ein Weg, der über die Schwellen der Entsagung nicht etwa zur Schwäche, sondern immer wieder zu neuer Klarheit und Stärke führt«, heißt es auf der Homepage über die Fastenzeit.

»Sieben Wochen ohne«-Aktion der evangelischen Kirche

Fasten heißt aber nicht immer Verzicht auf Nahrung. Viele Menschen reduzieren den Fernsehkonsum, verzichten für eine bestimmte Zeit auf Süßigkeiten, Zigaretten Internet oder Alkohol. Die evangelische Kirche gibt Anregungen über ihre Aktion »Sieben Wochen ohne«. Sie schreibt zur Erklärung: »Wenn wir Sie einladen, sieben Wochen auf etwas zu verzichten, dann nicht um besonders hart oder gar asketisch gegen sich selber vorzugehen. Vielmehr wollen wir dazu verhelfen, in dieser Zeit etwas freizulegen und in Bewegung zu bringen.« In diesem Jahr lautet das Motto der Aktion: »Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht«. Zu Beginn findet am 17. Februar 2013 um 9:30 Uhr in der Christuskirche in Fulda ein Gottesdienst statt, der live im ZDF übertragen wird.

Die Gelsenkirchener katholische Jugendkirche GleisX bietet vor Ostern Lauftreffs an, um sich »sportlich und spirituell« auf das Fest vorzubereiten. . Im Bistum Freiburg beginnt die Aktion »OffenSICHTlich« mit kurzen Filmen, die Impulse liefern zur Fastenzeit und bei der Mediathek im Erzbistum heruntergeladen werden können. Teilnehmer erhalten per E-Mail Filmbeschreibungen, Impulsfragen und Anregungen zur Bearbeitung in der Gruppe. Es soll auch auch auf Facebook dazu Diskussionen geben.

Immer in der Fastenzeit entsteht auch der ökumenische Jugendkreuzweg, den ein achtköpfiges Redaktionsteam jedes Jahr neu entwickelt. Künstler gestalten dabei die Passion Jesu nach ihren Vorstellungen, die Redaktion erstellt sieben Stationen, schreibt Gebete und Betrachtungen, entwickelt Aktionen und Ideen. Der 55. Kreuzweg in diesem Jahr trägt den Titel: »ÜberWunden«.

Auf ihre Handys verzichtet haben im Mai 2011 etwa 350 Gymnasiasten aus Hersbruck in Franken. Die Geräte wurden eine Woche lang in einen Banktresor gesperrt. Das »Handyfasten« sollte zu einem bewussteren Umgang mit den Mobiltelefonen führen, erklärte ein Elternvertreter.

Der Fantasie sind beim Fasten also keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass Fastende mit einer gewissen Lust an die Zeit herangehen. Wer sich dabei quälen muss, kann auch verzichten, dann aber lieber aufs Fasten.

Weitere Informationen:

Ein Forum zum Thema Fasten findet sich auf der Seite http://heilfastenkur.de/

Zu Fasten in Klöstern: http://www.kloster-auf-zeit.de

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Markus Dobstadtist regelmäßiger Mitarbeiter von Publik-Forum
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0