Kein Abendmahl wegen Zöliakie
Monika Herrmann, Berlin: Wie viele Menschen vertrage ich den Stoff Gluten, der sich in Getreidesorten befindet, nicht. In den Kirchen ist das ein Problem. Ersatzweise könnte Mais- Reis- oder Buchweizenbrot beim Abendmahl verwendet werden. Reiswaffeln sind auch möglich. Alles glutenfrei. Aber solche Vorschläge, die von mir immer wieder gemacht werden, rufen Kopfschütteln bei Pfarrern hervor. Was sollen wir Betroffenen machen? Ich denke auch an die Kinder und Jugendlichen, die glutenfrei leben und irgendwann bei der Erstkommunion oder Konfirmation nicht mithalten können.
Peter Otten: Zöliakie ist der Name einer chronischen Erkrankung des Dünndarms. Statistisch gesehen ist etwa jeder 200. Mensch davon betroffen, wobei es Regionen und Länder gibt, in denen die Krankheit völlig unbekannt ist – zum Beispiel Japan.
Ihre Ursache hat sie in einer lebenslänglichen Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten. Dieses ist unter anderem in den Getreidearten Roggen, Gerste, Weizen, Hafer und Dinkel enthalten. Die Krankheit kann sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter auftreten. Ihre Diagnose bereitet mitunter Schwierigkeiten, weil die auftretenden Symptome nicht immer sofort diesem Krankheitsbild zugeordnet werden können. Bei den Betroffenen führt Gluten zu einer Entzündung der Darmschleimhaut. In der Folge können die Nährstoffe nicht mehr richtig aufgenommen werden. Eine Therapie gibt es nicht, Betroffene müssen lebenslang auf glutenhaltige Nahrungsmittel verzichten, insbesondere auf die genannten Getreidesorten und die daraus hergestellten Produkte.
Katholiken verwenden nur ungesäuertes Weizenbrot
In der römisch-katholischen Kirche darf nur ungesäuertes Weizenbrot für eine gültige Eucharistiefeier verwendet werden. Begründet wird das mit dem biblischen Zeugnis, nach dem Jesus beim letzten Abendmahl aller Wahrscheinlichkeit nach Weizen- oder Gerstenbrot verwendet habe. Zwar haben in den siebziger Jahren einige afrikanische Bischofskonferenzen Hostien aus glutenfreiem und für ihre Kultur typischerem Maisbrot zugelassen. Diese Erlaubnis wurde aber 1982 durch die Glaubenskongregation widerrufen. Für die Kelchkommunion muss naturreiner unverdorbener Traubenwein verwendet werden (vgl. can 924, §§2 u. 3 CiC). Das Brot muss frisch zubereitet sein und vom Priester problemlos in mehrere Teile gebrochen werden können.
Joseph Ratzinger 2003 über die »gültige Materie«
Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass komplett glutenfreie Hostien als Materie für eine gültig gefeierte Eucharistie nicht erlaubt sind, da diese schwerer zu backen und sich nicht gut brechen lassen. In einem Schreiben des damaligen Chefs der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger heißt es im Jahr 2003: »Hostien, die wenig Gluten enthalten, jedoch soviel, dass die Zubereitung des Brotes möglich ist ohne fremdartige Zusätze und ohne Rückgriff auf Vorgangsweisen, die dem Brot seinen natürlichen Charakter nehmen, sind gültige Materie.«
Kann ein zöliakiekranker Gläubiger auch eine derartige nahezu glutenfreie Spezialhostie nicht vertragen, so darf er die Kommunion nur in der Gestalt des Weines empfangen. Allerdings bleibt zu fragen, was mit Gläubigen ist, die neben einer Glutenunverträglichkeit auch an einer Saftunverträglichkeit oder an einer Alkoholunverträglichkeit leiden. Zudem müssen Eltern zum Beispiel im Kontext der Erstkommunionvorbereitung zwischen der Ungewissheit über die medizinischen Folgen der des Verzehrs von glutenschwachen Spezialhostien und den Folgen psychologischer Art abwägen, die entstehen können, sollten sie sich dafür entscheiden, dass ihr Kind die Kommunion nicht empfangen darf.
Während die katholische Kirche bei der Wahl der Beschaffenheit des Brotes relativ streng ist, darf jedoch anstelle von Wein unvergorener Traubensaft verwendet werden, zum Beispiel wenn ein Priester eine Alkoholunverträglichkeit aufweist.
Evangelische Kirche erlaubt glutenfreies Brot und Traubensaft
In der evangelischen Kirche stellt sich alles viel unkomplizierter da. »Diese Frage ist keine lehramtliche Frage«, sagt Christina Jahn, Oberkirchenrätin bei der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Die Gültigkeit des Abendmahls ist im Gegensatz zur katholischen Kirche nicht an eine bestimmte Brot- oder Getreidesorte gebunden. Die Gemeinden vor Ort bestimmten selbst darüber, welches Brot und welchen Wein sie benutzen möchten – oder ob es gar Traubensaft gibt. »Betroffene sollten sich mit ihrem Anliegen an die jeweilige Gemeindeleitung wenden, also in der Regel an das Presbyterium«, rät Thomas Weckelmann von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKIR). Die Gemeindeleitungen fassten dann entsprechende Beschlüsse. Die sehen in der Praxis unterschiedlich aus: In manchen Gemeinden bringen Betroffene ihr Brot selber mit. »Aber es gibt eine ganze Reihe von Gemeinden, die sich sehr sensibel zeigen und bei einer entsprechenden Problemanzeige nur noch glutenfreie Hostien verwenden«, so Jahn. Inzwischen bieten eine Reihe von Hostienbäckereien glutenreduzierte oder sogar glutenfreie Hostien zum Beispiel auf Grundlage von Reis an.
Weitere Informationen
Eine Berliner Firma für Kirchenbedarf bietet glutenfreie Hostien an
Thomas Schüller: »Wenn der Kommunionempfang krank macht« – Zöliakie, eine Krankheit und ihre Auswirkungen auf das Eucharistierecht, in: R. Althaus, K. Lüdicke, M. Pulte (Hg.), Kirchenrecht und Theologie im Leben der Kirche. FS H. J. F. Reinhardt, Essen 2007 (= Beihefte Zum MKCIC 50), 377–387.
Siehe zu dem Thema auch den Artikel Dies ist mein Leib – krümelig, aber glutenfrei auf evangelisch.de.
Weitere Informationen auch bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft. Zum Welt Zöliakie-Tag am 12. Mai 2012 plant die Gesellschaft eine Aktionswoche vom 12. bis zum 19. Mai
