»Ah! Gott kommt!«
Publik-Forum: Herr Herold, haben Sie eigentlich einen Spitznamen, Rummelpfarrer oder so?
Conrad Herold: Das nicht, aber ein Schausteller empfing mich mal mit den Worten: »Ah! Gott kommt!« Da stellte ich natürlich gleich klar, dass ich nur Bodenpersonal bin.
Sind Sie als Kind gern zur Kirmes oder zum Zirkus gegangen?
Herold: Ich bin in einer sehr dörflichen Gegend im Siegerland aufgewachsen, bei uns herrschte Sparsamkeit. Da steckt man als Kind das Geld artig in die Sparbüchse, aber einmal im Jahr erhielten wir von den Tanten und Onkels Kirmesgeld, das wir dann auch komplett ausgaben. Die Kirmes war ein absolutes Highlight, denn einen Fernseher hatten wir zu Hause nicht. Und übrigens auch kein Auto, wir waren im wahrsten Sinne sehr sesshaft.
Wie viele Kilometer schrubben Sie heute im Jahr?
Herold: Rund 40 000, quer durch Thüringen und Sachsen-Anhalt zumeist.
Hat die Faszination des Nichtsesshaften dazu beigetragen, dass Sie 2010 Schaustellerseelsorger wurden?
Herold: Ich war ja vorher 19 Jahre in einer evangelischen Gemeinde in Magdeburg tätig. Als unsere Kirchenverwaltung 2011 nach Erfurt zog und damit auch meine Frau ihren Arbeitsplatz wechselte, habe ich mir überlegt, mal etwas anderes zu machen. Als Zirkusseelsorger – die Stelle war gerade ausgeschrieben – hat man mit Jungen und Alten, Gesunden und Kranken zu tun. Es ist sehr abwechslungsreich.
Haben Außenstehende ein zu romantisches Bild vom fahrenden Volk?
Herold: Sicher. Bei einer Beerdigung sagte ein Kantor mal: Heute können wir ja lustige Lieder spielen, es ist ja ein lustiges Volk. Aber die Menschen sind natürlich genauso traurig wie alle, wenn einer von ihnen gerade seine Mutter verloren hat. Was mir auffällt: Bei ihnen gibt es ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl, weil alle wissen, dass sie sich aufeinander verlassen müssen. Wenn im Winter Wasserschläuche einfrieren, ist das kein Spaß oder Abenteuer. Menschen von außerhalb, deren Leben sehr eingetaktet ist, würden da ziemlich nervös werden.
Mit welchen Sorgen werden Sie hauptsächlich konfrontiert?
Herold: Mit persönlichen Nöten wie Krankheiten, aber ein großes Thema ist auch die Schule für die Kinder. Sollen sie im Grundschulalter bei der Oma bleiben oder doch unterwegs auf immer wieder andere Schulen gehen? Und dann sind da natürlich wirtschaftliche Überlebenssorgen. Abgesehen von aktuellen Problemen, wie der extrem komplizierten Dokumentation des Mindestlohns, liegt das vor allem an der Veränderung der Volksfestlandschaft. Ein Trend scheint mir zu sein, dass die großen Feste immer größer werden und kleine Feste, die Kirmes auf dem Dorf, zunehmend wegfallen. Aber nur vom Oktoberfest kann man als Schausteller nicht leben.
Spiegelt sich das Außergewöhnliche der Leute und ihrer Arbeitsumgebung auch in Ihren Gottesdiensten?
Herold: Selbstverständlich. Ich halte meine Gottesdienste in Festzelten ab oder auf Fahrgeschäften, zum Beispiel im Autoscooter. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einem liturgischen Gottesdienst, da passieren auch schon mal lustige Dinge.
Zum Beispiel?
Herold: Während ich vorn am Biertisch stehe, der mir als Altar dient, und meine Zuhörer in den Autoscootern sitzen, ist einer mal plötzlich losgefahren. Da hatte ich aber selbst Schuld dran. Ich hatte vorher gebeten, wegen der abendlichen Dunkelheit die bunten Lichter anzumachen und auch die Autos unter Strom zu setzen, damit die ein bisschen blinken. Der besagte Zuhörer hatte dann allerdings einen Chip ins Auto gesteckt und düste auf einmal los. Das war ihm sehr peinlich, aber wir fanden es lustig. Überhaupt lachen wir in jedem Gottesdienst, denn wir erzählen auch Witze. Trotzdem machen wir keinen Klamauk. Und wenn im Gottesdienst mal was schiefgeht, regt das die Leute auch kaum auf, weil sie so etwas gewohnt sind. Sie müssen ja dauernd improvisieren.
Haben Sie auch mal in einer Geisterbahn gepredigt?
Herold: Nein, aber die Geisterbahn gehört zu den Standardthemen in meinen Predigten. Als ich einmal in einer Kirmes-Fachzeitung die Werbung »Neue Geister eingetroffen« las, habe ich das aufgegriffen und thematisiert: Warum brauchen wir neue Geister, wenn wir nicht mal mit den alten fertig werden? Rummel ist ja generell ein Abbild des täglichen Lebens. Die Achterbahn ist ein Sinnbild fürs Auf und Ab, das Karussell für das Sich-nur-im-Kreise-Drehen, die Losbude für Glückstreffer und Nieten. Über fast jedes Geschäft können Sie eine Predigt halten, selbst über den Autoscooter. Ich bin ja oft bei Volksfest-Eröffnungen zugegen, wenn auch Bürgermeister und ihre Mitarbeiter dabei sind. Sie glauben gar nicht, was Sie auf dem Autoscooter erleben, wie die Mitarbeiter da dem Chef oder Kollegen hintenreinfahren. Da könnten Sie richtige Psychogramme erstellen, wie die wahre Einstellung untereinander aussieht. Auch darüber kann man predigen.
Halten Sie ökumenische Gottesdienste ab?
Herold: Je nachdem, wie es sich vor Ort anbietet. Wenn ich bei einem Rummel in einem Stadtzentrum bin, kommt auch schon mal Laufpublikum dazu. Dann kann es sehr gemischt werden.
Liegt der Anteil der Gläubigen bei Schaustellern oder Zirkusleuten im Durchschnitt der Gesellschaft?
Herold: Schwer zu sagen, weil der ja überall schwankt. Ich gehe auf jeden Fall auf jeden zu, ob Protestant, Katholik oder Konfessionsloser. Bei dem einen ergibt sich eher ein Plausch, beim anderen ein intensives Gespräch. Der Umgang ist insgesamt relativ locker, nichts mit Hochwürden oder so.
Spüren Sie bei Artisten mit einem gewissen Arbeitsrisiko eine spezielle Art von Glauben, auch mehr Aberglauben?
Herold: Natürlich. Ganz viele Zirkusleute sieht man auf Beisetzungen mit goldenen Kreuzen. Ich habe auch erlebt, dass die sofort aufschreckten, als eine schwarze Katze aus dem Gebüsch kam. Oder wenn eine Saison schlecht war, wurde ich gebeten: Können Sie unser Zelt nicht nochmal segnen? Da herrscht ein stärkeres mystisch-magisches Denken als anderswo. Das hat mich bewogen, die Bibel mal unter neuen Gesichtspunkten zu lesen. Und kaum guckte ich im Neuen Testament nach, begegneten mir auch dort diese Dinge, die ich als Gemeindepfarrer zuvor überlesen hatte: das Schweißtüchlein des Paulus, das auf die Leute gelegt wurde, um sie gesund zu machen, oder die Frau, die das Gewand Jesu anfassen wollte und sich dadurch Hilfe erhoffte. Das ist ja eigentlich nichts anderes. Davon gibt es viele Beispiele in der Bibel, im Alten und Neuen Testament. Der ganze Glaube existiert nie in Reinform, sondern hat auch eine magisch-mystische Seite, die wir mit dem Begriff Aberglauben zu fassen versuchen.
Hat Sie diese spezielle Form von Spiritualität anfangs irritiert?
Herold: Ich kannte es so nicht. Ich komme aus dem reformierten Pietismus, wir hatten in unserer Wohnung zum Beispiel keine Heiligenbilder. Mittlerweile hängt in meinem Arbeitszimmer ein Kruzifix, und es hat für mich eine Bedeutung. Mancher mag die Hände überm Kopf zusammenschlagen, aber es gibt halt diese Seiten von Spiritualität, und ich nehme sie als Lebenswirklichkeit wahr.
Kommt es auch mal zu theologischen Diskussionen, zum Beispiel wegen bestimmter Äußerungen des Papsts?
Herold: Natürlich, aber das hängt auch an so profanen Dingen wie dem Wochentag. Sonntags, wenn viel los ist und Stress herrscht, passiert das weniger. An Montagen dagegen, wenn wenig Betrieb ist, bin ich auch Langeweilevertreiber. Dann reden wir über Papstäußerungen, Fußball und natürlich das eigene Ergehen. Ich bin sowohl Kummerkasten als auch Prellbock, wenn irgendwas nicht funktioniert hat.
Hat der Blick dieser Menschen auf das Leben Sie verändert?
Herold: Ja. Ich gehöre zum Konvent der Erfurter Pfarrer und der Erfurter Andreas-Gemeinde und merke, dass mich bestimmte Erstarrungen ungeduldiger machen. Wenn Zustände eingefroren werden sollen, verspüre ich größere Unruhe als früher, weil sich mein Blickwinkel auf das Leben geändert hat. Kirche, Kirmes und Volksfest haben eben doch viel miteinander zu tun. So wie die Kirmes- oder Zirkusleute gern vorschnelle Antworten finden für einen schlechten Besuch, zum Beispiel das Wetter oder ein Festival um die Ecke, so ist es ja oft auch bei uns Kirchenleuten.
