Benedikt XVI.: Die ‘68er sind Schuld
Er schlägt um sich. Benedikt XVI., der 2013 vom Papstamt zurücktrat, gibt so etwas wie den Gegenpapst zu Franziskus. Während der die katholische Kirche auf einen Kurs gegen die im Klerikalismus wurzelnde sexuelle Gewalt zu steuern sucht, zündete der Altpapst im bayerischen Klerusblatt einen Kracher. Der fast 92-jährige Dogmatiker gibt vor, er wisse genau, wer Schuld sei an den Missbrauchsverbrechen: Die 68er sowie die liberalen Theologen und Pädagogen in der Kirche.
Für die leidenden Opfer der Verbrechen durch Geistliche zeigt Ratzinger keine Empathie. Dass der Missbrauch viel älter ist als das Jahr 1968, ist ihm kein Erwähnung wert. Benedikt spaltet einmal mehr die Kirche mit seinem Text. Erzkonservative Katholiken preisen ihn, wie die Deutsche Tagespost aktuell titelt, als »durchseelt«. Viele Theologen und engagierte Christen verschiedener Konfession jedoch fragen sich: Hat dieser Mann, der kleinlich alte Feindschaften, Hassbilder und Ressentiments pflegt, noch alle Tassen im Schrank?
1968 – alte Feindbilder werden neu aufpoliert
»Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen?«, fragt der frühere Papst: »Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint.« Eine Gesellschaft mit einem abwesenden Gott sei eine Gesellschaft, in der »das Maß des Menschlichen« immer mehr verloren gehe.
Zu Beginn seines langen Aufsatzes schreibt Ratzinger, dass es zur »Physiognomie der 68er Revolution« gehört habe, dass auch Pädophilie erlaubt sei. In derselben Zeit habe sich ein »Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie« ereignet, der auch Teile der Kirche »wehrlos gegenüber den Vorgängen der Gesellschaft« gemacht habe. Auch in verschiedenen Priesterseminaren »bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten«.
Mit Erschütterung sei heute zu sehen, »dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen. Dass sich dies auch in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte, muss uns in besonderem Maß erschüttern.«
In der Tat. Nicht vergessen werden darf: Als langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger sich – lang ist’s her – für die Aufklärung einiger sexueller Gewaltverbrechen etwa bei den »Legionären Christi« und ihrem Gründer Marcial Maciel eingesetzt – gegen den entschiedenen Willen des seinerzeitigen Papstes Johannes Paul II.. Der polnische Pontifex verstand sich als Bekämpfer des Kommunismus. Er beförderte zahlreiche Untäter. Sexuelle Gewalt durch Priester schien ihm kein Thema zu sein.
Kritik von Theologen
Der Freiburger Moraltheologe Magnus Striet trifft in seiner Analyse den Punkt: »Benedikt XVI. baut einen Popanz auf, um einen Schuldigen dafür ausmachen zu können, warum Missbrauch stattfand – und systematisch vertuscht wurde.«
Es sei »absurd«, wenn der emeritierte Papst die 68er-Bewegung verantwortlich mache. Dann müsse er erst einmal erklären, warum es schon vor dieser Zeit zu Missbrauch gekommen sei und warum es auch massiven Missbrauch in Ländern gegeben habe, die erst in den 80er-Jahren demokratisiert worden seien.
Das gesamte Werk von Benedikt XVI. sei »durchzogen von einem Furor gegen Neuzeit und Moderne, die er aber nur als Verfallsgeschichte wahrnimmt«, schreibt Striet. Er sieht eine Mitverantwortung des früheren Papstes für die Vertuschung von Missbrauch. »Wer hat eigentlich die Bischöfe ernannt, die jetzt unter heftigen Vertuschungsvorwürfen stehen? Oder die selbst zu Tätern wurden?« Zwar habe die Glaubenskongregation striktere Maßnahmen ergriffen, »aber ging es hier um die Betroffenen? Oder doch mehr um das Priesteramt?« Striet appellierte an Ratzinger, sich für eine unabhängige Untersuchung der in der Glaubenskongregation seit dem Jahr 2000 gesammelten Unterlagen einzusetzen.
Auch der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller kritisierte den Beitrag des Ex-Papstes. Es fehle darin die Rede von der Schuld, die im Umgang mit sexuellem Missbrauch auch Bischöfe betreffe, schreibt Müller am 12. April. Nicht nur die Priester, die sexuelle Gewalt an Minderjährigen ausgeübt hätten, seien schuldig geworden, sondern auch die Bischöfe, darunter der einstige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger. Sie seien »nicht angemessen« mit den Tätern umgegangen. Die betroffenen Opfer, ihr Leid, seien nicht gehört worden, erinnert Müller. »Es fehlte die Sensibilität, die Empathie, das Mitleiden dafür.« Der Theologe hätte sich gewünscht von Benedikt XVI.. zu hören, dass er sich bei den Überlebenden sexualisierter Gewalt durch Kleriker dafür entschuldigt, wo wer, »ohne es zu wollen, zu deren Leid beigetragen« habe.
Und nun? Solange er es vermag, wird Benedikt XVI. wohl weiter seine alten Feindbilder pflegen. Eigentlich wollte er ja nach seiner Rücktritt vom Papstamt schweigen. Schade, dass er sich nicht an sein Gelübde hält.
