Christen in der AfD?
Die Kirche voll, die Kameras diverser Fernsehsender an, klickende Fotokameras. Auf dem Podium, gleich neben der Kanzel, auf der einst im September 1964, in tiefsten DDR-Zeiten, der US-Bürgerrechtler Martin Luther King gepredigt hatte: Anette Schultner vom Bundesverband »Christen in der AfD«. Neben ihr: Liane Bednarz, Juristin und Publizistin. Und Markus Dröge, evangelischer Bischof in Berlin. Und diese drei sollen sich jetzt zwei Stunden am Stück über »Christen in der AfD« unterhalten? Meine Hoffnung setzte ich auf die Journalistin in der Runde, die Moderatorin Bettina Warken. Alles wird darauf ankommen, dass sie die richtigen Fragen stellt – und ausweichende Antworten nicht durchgehen lässt.
Meine Hoffnung wird nicht enttäuscht. Über zwei Stunden hält der Spannungsbogen. Und das liegt nicht nur (aber auch) an Frau Warken. Ein hervorragend vorbereiteter Bischof lässt keine Faktendreher Anette Schultners durch, die konservative Publizistin Bednarz dröselt genau die Unterschiede zwischen konservativem Denken und einer AfD-Position auf, die keine Grundrechte für alle mehr gelten lassen will: »So was hätten weder Adenauer noch Strauß je gesagt.«
Anette Schultner bestreitet die Debatte ruhig. Störer im Publikum – im Wechsel für und gegen Schultner – geben der Veranstaltung ein unruhiges Moment. Es wird dazwischengerufen, gebuht, gebrüllt, in Chören gesungen. Nur Sekunden später hat Warken die Lage jedes Mal wieder im Griff. Wichtig, um zu hören, was Schultner denn nun genau sagt. Und das ist aufschlussreich.
Zur Flüchtlingspolitik: »Wir wollen keine Destabilisierung des Landes.« – »Ein Fremder kann nicht die gleichen Rechte für sich in Anspruch nehmen, wie die, die schon da sind.« – »Nächstenliebe ist etwas zutiefst Persönliches, sie kann nicht staatlich verordnet werden.«
Zur Parteiendemokratie: »Der Konservativismus muss einen politischen Ansprechpartner haben – und das ist die AfD. Bevor wir kamen, gab es eine konservative Repräsentationslücke.«
Zum Christsein: »Der Kirchentag macht zu viel Politik, zu wenig Verkündigung. Christen müssen das Evangelium verkünden und missionieren. Stattdessen ist die evangelische Kirche in Deutschland ein Arm der linken Parteien.«
Der Widerspruch von Bednarz wie Dröge ist klar und scharf. Sie zitiert aus dem Parteiprogramm und aus öffentlichen Auftritten von AfDlern, die keinen Hehl aus ihrer Idee »abgestufter Menschenrechte« machen: Hier wir, das Volk der Deutschen. Dort die anderen, die weniger Rechte haben sollen. Er zitiert aus einem Strategiepapier (von dem Frau Schultner sagt, es sei zwar da, aber nicht offiziell), das unter anderem sagt: »Die Partei darf vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken.« Und das auch den bemerkenswerten Satz enthält: »Viele Wähler gehen nicht davon aus, dass die AfD die von ihr angesprochenen Probleme lösen kann.«
Warum spricht der Bischof dann mit einer Frau von der AfD? Warum diskutiert eine Liane Bednarz, die durch zahlreiche Publikationen und Analysen der AfD und des Rechtspopulismus in Deutschland bekannt geworden ist, auf einem Podium in Berlin mit Frau Schultner?
Bednarz tut es, weil sie die Diskussion immer sucht, wenn sie dazu angetan ist, Erkenntnisse zu befördern. Und weil sie sich nicht fürchtet, im richtigen Moment plötzlich kein Argument mehr zu haben. Dröge tut es, weil ihn der Rechtspopulismus unter Christen quält und drückt. Als Bischof der Kirche von Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz weiß er genau, dass die Zahl der Christen immer kleiner wird – und die der Rechtspopulisten immer größer. Er geht zu den Leuten, er kennt ihre Probleme. »Ich lehne es ab, mit Funktionären der AfD zu diskutieren, weil ich mich für ein solches Schauspiel nicht hergebe«, lauten seine Worte in der Sophienkirche, die erklären sollen, dass er das Konzept »geplanter Provokationen« verstanden und durchschaut hat. »Aber hier spreche ich mit einer Schwester im Glauben«, fügt er an. Und, direkt an Anette Schultner gewandt: »Ich frage nach Ihrer Glaubwürdigkeit.«
Die sieht Dröge nicht gegeben, wenn eine Partei »die gleiche Rechte und die gleiche Würde eines jeden Menschen« nicht anerkennt. Diese Anerkennung sei ein zentrales Moment des Christseins, das nicht preisgegeben werden dürfe. Da helfe es auch nicht, wenn Frau Schultner einem Verband mit dem schönen Namen »Christen in der AfD« angehöre: »Ein Christ wird doch in der AfD als Feigenblatt missbraucht.«
