Das Geheimnis von Taizé
Man ist lange unterwegs dorthin, fährt am Ende schmale, kurvige Sträßchen durch Burgund, muss irgendwann scharf abbiegen, um nicht vorbeizufahren. Taizé ist ein zwar weltbekanntes, aber äußerlich betrachtet unscheinbares Dorf. Es hat ein paar Steinhäuser und eine kleine romanische Kirche, weiter oben auf dem Hügel eine große Kirche mit dem architektonischen Charme einer Dreifach-Turnhalle, drumherum Barackenunterkünfte, die an Flüchtlingslager erinnern könnten. Aber man sollte Taizé auf keinen Fall äußerlich betrachten.
Was den Ort groß macht, ist sein Platz auf der inneren Landkarte so vieler, die seit seiner Gründung 1940, vor allem aber seit den 1970er-Jahren beim »Konzil der Jugend« in Kontakt kamen mit der ökumenischen Gemeinschaft und der damit verbundenen Vision ihres Gründers Frère Roger Schutz. Unzählige Jugendliche haben Taizé als einen Ort intensiver geistlicher Erfahrungen erlebt: Wenn sich in der Stille mit Tausenden im Gottesdienst plötzlich das Herz weitet. Wenn beim meditativ-wiederholenden Singen der Taizé-Melodien sich Quellen der Zuversicht erschließen und die geängstigte Seele aufatmet. Wenn in der Umarmung eines Bruder ein Damm der Trauer brechen darf.
Das Leben von Frère Roger: Kampf und Kontemplation
Wenn Frère Roger abends nach dem Gottesdienst Jugendliche segnete und ein Strom von Liebe und Wärme spürbar wurde, der fast überirdisch schien. Woche für Woche kommen Jugendliche aus ganz Europa und tauchen ein in die Spiritualität dieses Ortes, im Sommer sind es Tausende, im Winter Hunderte. Sie machen in den zahllosen Begegnungen die Erfahrung: Wenn Menschen ganz bei der Sache Jesu sind, können sie trotz getrennter Konfessionen sehr nah beisammen sein.
Kampf und Kontemplation sind die Pole, zwischen denen sich christliches Leben nach Frère Roger spannen sollte. Es ist eine »welthaltige« Spiritualität, mit wacher Zeitgenossenschaft und dem Einsatz für die Armen als Prüfstein. Von Anfang an fanden Flüchtlinge hier Schutz. Brüder der ökumenischen Gemeinschaft leben in sozialen Brennpunkten weltweit.
Taizé ist untrennbar mit dem Namen von Frère Roger verbunden, dem Gründer und ersten Prior der ökumenischen Gemeinschaft. Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem gewaltsamen Tod 2005 ist die Anziehungskraft des Ortes ungebrochen. Unter der Leitung des deutschen Katholiken Frère Alois Löser geht die Kommunität in eine neue Generation. Nach wie vor ist das burgundische Dorf ein Ort kraftvoller Stille, innigen Gebetes und des einfachen brüderlichen Lebens. Trotzdem gibt es Fragen, die man an Taizé stellen kann: Hat dort auch der Glaubenszweifel einen Platz? Gibt es Raum nicht nur für das Lob Gottes, sondern auch für die Klage? Der Ort mag abseits liegen, aber die Erschütterungen der Zeit mit ihren Fluchtdramen und dem Terror gehen den Brüdern und ihren jungen Gästen mitten durchs Herz.
Wir sind dorthin gereist, um zu sehen, wie Taizé in einer globalisierten Welt besteht und wodurch sich die Brüder heute herausgefordert sehen.
Das Ergebnis dieser Reise lesen Sie im Publik-Forum EXTRA Thema »Taizé heute. Das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt«. Sie können es im Publik-Forum-Shop online bestellen.
