Der Gegenpapst
Papst Franziskus sieht sich im Vatikan, unbemerkt von der Öffentlichkeit, einer Art Gegenpapst gegenüber: dem deutschen Kurienkardinal Walter Brandmüller. Wenige Hundert Meter entfernt vom Gästehaus Santa Marta, in dem der Papst wohnt, lebt der 86-Jährige: im Haus des Domkapitels von St. Peter. Brandmüller war am 20. November 2010 von Papst Benedikt XVI. für seine Verdienste als Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften zum Kardinal erhoben worden.
Auf die allgemeine Beliebtheit von Papst Franziskus angesprochen, meinte Brandmüller im vergangenen Sommer in der Zeitschrift Zeit Geschichte geringschätzig: »Die ist nur oberflächlich. Wäre diese Bewegung eine religiöse, wären die Kirchen voll.« So kann man das Versagen der weit hinter den Forderungen der Zeit zurückbleibenden Prälatenkirche verharmlosen und die Schuld dafür sogar auf den für die heutige Zeit aufgeschlossenen Papst schieben.
Die Welt von heute sieht Brandmüller kritisch: »Die Moderne fragt nicht: Was ist wahr?, sondern: Was nützt es? Ist es machbar? Pragmatismus und Utilitarismus sind die großen Häresien der Gegenwart.« Deutlicher könnte der einstige Augsburger Kirchenhistoriker seine Sehnsucht nach den Zeiten vor der katholischen Aufklärung nicht zum Ausdruck bringen.
Zwanzig Jahre dauern jetzt schon die theologischen Auseinandersetzungen zwischen der vatikanischen Glaubenskongregation und der Priesterbruderschaft St. Pius X. um bestimmte Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils, vor allem um die Gewissens- und Religionsfreiheit, ökumenische Annäherungen, neue Formen der Liturgie, die Kollegialität zwischen Papst und Bischöfen und spezielle Fragen der Ehe- und Sexualmoral. Die Piusbrüder wollen diese Lehren nicht akzeptieren.
Papst Benedikt XVI. hatte die von seinem Vorgänger Johannes Paul II. errichtete Kommission Ecclesia Dei, die die Verhandlungen mit der Bruderschaft führen soll, in die Kongregation für die Glaubenslehre eingegliedert. Die Kommission unter dem kolumbianischen Kardinal Dario Castrillón Hoyos verfolgt als Hauptziel die volle kirchliche Gemeinschaft mit den von dem verstorbenen Erzbischof Marcel Lefèbvre ins Leben gerufenen Piusbrüdern. Solange dieses Ziel nicht erreicht sei, erklärte Benedikt XVI. unmissverständlich, habe die Bruderschaft »kein kanonisches Statut in der Kirche und können ihre Geistlichen kein Amt auf legitime Weise ausführen«.
Der Papst sollte klarstellen, wer für den Vatikan mit den Piusbrüdern redet
Bis heute konnte keine Einigung in Grundsatzfragen erreicht werden. Angesichts dieser trostlosen Situation fühlt sich Kardinal Brandmüller anscheinend zum selbsternannten Unterhändler berufen. Der Bruderschaft dürfte kein Vermittler willkommener sein als der theologisch erzkonservative Kurienkardinal. Brandmüller äußerte schon vor Jahren die Ansicht, dass es sich bei den umstrittenen Konzilsdokumenten über das Judentum und die Gewissensfreiheit nur um Erklärungen handele, die man zwar ernst nehmen solle, die aber nicht verbindlich seien.
Der Kardinal traf sich am 5. Dezember 2014 mit Bischof Bernard Fellay, dem Generaloberen der Piusbruderschaft, in deren Internationalem Priesterseminar Herz Jesu in Zaitzkofen (Niederbayern). Diesem Treffen war am 23. September desselben Jahres ein Gespräch in Rom vorausgegangen, bei dem beide Parteien vereinbarten, die Begegnungen »in einem größeren und weniger formellen Rahmen als dem der vorausgegangenen Sitzungen« weiterzuführen.
Diese Zusammenkünfte zielen nach Meinung des Kardinals offenbar darauf, den kirchlichen Autoritäten – gemeint ist in erster Linie der Papst – die Priesterbruderschaft und die Werte der Tradition bewusster zu machen und gleichzeitig alle ernsthaften Einwände und Divergenzpunkte aufzuzeigen, die sich aus dem Konzil und seinen Reformen ergeben. Zu diesem Zweck sind in den kommenden Monaten weitere Treffen geplant, eines im Seminar Heiliger Pfarrer von Ars zu Flavigny (Frankreich) und ein weiteres im Seminar Heiliger Thomas von Aquin in Winona (USA).
Es ist an Papst Franziskus klarzustellen, wer in dieser heiklen Angelegenheit als offizieller Gesprächspartner des Vatikans gelten kann. Eigenmächtige Unterhändler wie Kardinal Brandmüller sollte er in die Schranken verweisen.
