Der Protest der Theologen
In einem Offenen Brief (Wortlaut siehe unten) an Kardinal Reinhard Marx, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, haben neun prominente Katholiken – Frauen und Männer aus Theologie, Wissenschaft und Politik – Reformen angemahnt. Anlass ist die bevorstehende Konferenz zum Thema Missbrauch im Vatikan. Die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen sind dazu im Februar nach Rom geladen.
Die neun deutschen Katholiken, darunter Ansgar Wucherpfennig, Rektor der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, und Klaus Mertes, Jesuitenpater und Leiter des Kollegs St. Blasien im Schwarzwald, fordern »mutige Reformen«. Sie konkretisieren, was sie damit meinen: »Bauen Sie die Überhöhungen des Weiheamtes ab, und öffnen Sie es für Frauen. Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann. Hören Sie auf das Zeugnis der Bibel und auf die Erfahrungen von Gläubigen, und machen Sie einen Neustart mit der Sexualmoral – eine verständige und gerechte Bewertung von Homosexualität inklusive. Weiter schreiben sie: »Missbrauch in unserer Kirche hat auch systemische Gründe. Die Versuchung des Klerikalismus folgt dem Klerus wie ein Schatten. Die Aussicht auf Macht in Männerbünden zieht Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockieren notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse«, heißt es in dem Brief.
Graswurzelarbeit kann die Kirche verändern
Statistisch gesehen tendiert die Chance, mit diesem Offenen Brief in der Kirche etwas ändern zu können gegen Null. Das Kirchenvolksbegehren, in dem ähnliche Forderungen erhoben wurden, liegt fast 25 Jahre zurück, die »Kölner Erklärung« jährt sich zum 30. Mal, die »Würzburger Synode« kennen die meisten bestenfalls aus Erzählungen. Der plakative Aufschrei der Basis, die detaillierte Kritik der Professoren, die gemeinsamen Erörterungen von Bischöfen und Laien – alles das verlief in der Vergangenheit mehr oder weniger im Sande.
Bislang obsiegten stets die Kritiker der Kritiker mit ihrer Behauptung, der innerkatholische Dauerstreit sei lediglich eine Nabelschau. Schaut zur evangelischen Kirche, sagen sie. Sie kennt Synoden und Frauenpriestertum – treten deshalb weniger Menschen aus? Schaut zu den Anglikanern: Sie haben Homosexuelle in höchsten Ämtern – und sind darüber heillos zerstritten. Ergo könne dies kein Vorbild für Reformen sein.
Doch der Missbrauchsskandal hat die Fronten des Debattenstellungskriegs verschoben. Deutlich wurde, dass es systemische Ursachen gibt, die teils in der »DNA der Kirche« eingeschrieben sind, wie es der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer zu formulieren wagt. Selbst der Papst hat den Klerikalismus – und nicht etwa die Sexualität – als Ursünde des Missbrauchs ausgemacht. Immer mehr Bischöfe sind der Meinung, dass nicht die böse Welt oder der liberale Zeitgeist einen Krieg gegen die Kirche führt, sondern die Institution verlernt hat, den Gottesglauben zeitgemäß und plausibel zu verkündigen. Wenn ein Bischof Eugen Drewermann einen »verkannten Propheten« nennt und andere die strukturelle Ungerechtigkeit gegen Frauen thematisieren, wächst die Hoffnung, dass Graswurzelarbeit auch die Kirche irgendwann verändert.
Im Folgenden dokumentieren wir den Offenen Brief.
Offener Brief von neun Katholikinnen und Katholiken
Lieber Herr Kardinal Marx,
der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen durch katholische Kleriker und die Versuche im Verantwortungsbereich der Bischöfe, solche Taten zu vertuschen, haben viel Unheil in das Leben der Betroffenen gebracht und im weiten Umkreis den Glauben von katholischen Christen erschüttert. Ende Februar werden die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen mit Papst Franziskus über die Krise beraten und Vorkehrungen treffen, dass Schutzbefohlene in Zukunft geschützt werden und nicht geschädigt. Das ist dringend notwendig. Menschen dürfen nicht in der Kirche den Guten Hirten suchen und dabei unter die Wölfe kommen.
Wir bitten Sie darum, in Rom freimütig den wichtigsten Ertrag der MHG-Studie zur Sprache zu bringen: Missbrauch in unserer Kirche hat auch systemische Gründe. Die Versuchung des Klerikalismus folgt dem Klerus wie ein Schatten. Die Aussicht auf Macht in Männerbünden zieht Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockieren notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse.
Die deutschen Bischöfe sind seit 2010 mit der Prävention und Sanktion von Missbrauchstaten gut vorangekommen. Sie haben nach der Veröffentlichung der MHG-Studie im September 2018 Betroffenheit zum Ausdruck gebracht und Abbitte geleistet. Aber sie wissen auch, dass Worte allein jetzt nicht mehr weiterhelfen. Der Eindruck, es solle am Ende doch alles beim Alten bleiben, hat das Misstrauen gegen die Amtskirche bei vielen Zeitgenossen zementiert. Und anders als früher macht das Misstrauen an den Türen der Kirche nicht halt. Die aktiven Katholiken in Deutschland tragen in ihrer großen Mehrheit die vormoderne Ordnung der Kirche nicht mehr mit. Sie ertragen sie nur noch. Und jedes Jahr sind es Zigtausende, die die Last abwerfen und austreten.
Manche Verantwortliche wiegeln ab und sagen: Die Skandale sind nicht alles. Die Medien bauschen das auf. Die Hauptsache ist das normale Leben in den Gemeinden und Einrichtungen der Kirche. Es stimmt – da wird von Berufs wegen und ehrenamtlich Tag für Tag viel Gutes getan. Aber gerade dort hat sich tiefe Enttäuschung breitgemacht. Die Sonne der Gerechtigkeit kommt nicht mehr durch. Unter einem bleiernen Himmel verkümmert die Freude am Glauben.
Wir appellieren deshalb an unsere Bischöfe: Vertrauen Sie dem Glaubenssinn Ihrer Gläubigen, und gewinnen Sie der Kirche Wahrhaftigkeit und Weite zurück, ohne die das Evangelium nicht atmen kann! Nehmen Sie Ihre geistliche Vollmacht für mutige Reformen in Anspruch: Binden Sie sich selbst durch echte Gewaltenteilung – das passt besser zur Demut Christi und in den Rahmen der für alle geltenden Gesetze. Bauen Sie die Überhöhungen des Weiheamtes ab, und öffnen Sie es für Frauen. Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann. Hören Sie auf das Zeugnis der Bibel und auf die Erfahrungen von Gläubigen, und machen Sie einen Neustart mit der Sexualmoral – eine verständige und gerechte Bewertung von Homosexualität inklusive.
Lieber Herr Vorsitzender, liebe Herren Bischöfe – Sie können mit uns rechnen. Wenn Sie sich an die Spitze der Reformbewegung setzen, haben Sie uns entschlossen hinter sich. Aber wir zählen auch auf Sie. Die Bischöfe haben das Heft in der Hand. Bitte zögern Sie nicht. Schlagen Sie eine neue Seite auf, schreiben Sie »2019« darüber und fangen Sie an.
Gute Reise nach Rom und herzliche Grüße an Papst Franziskus
