Dschihad statt Darwin
Zu Beginn des neuen Schuljahres ist in der Türkei ein Kampf um die Bildung entbrannt. Viele säkulare Türken sehen mit Sorge, dass der Islam in Schulen und Universitäten immer mehr an Bedeutung gewinnt. Nachdem die Regierung trotz breiter Kritik einen neuen Lehrplan durchgedrückt hatte, schaffte Erdogan auch noch die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule ab. Viele Türken fürchten, dass damit mehr Schüler auf die religiösen Imam-Hatip-Schulen geleitet werden sollen, die ursprünglich zur Ausbildung von islamischen Predigern gedacht waren und deren pädagogische Qualität umstritten ist. Unter dem Motto »Für eine wissenschaftliche und säkulare Bildung« gingen deshalb in Istanbul, Ankara und Izmir zum Schuljahresbeginn besorgte Eltern, Schüler und Studenten auf die Straße.
Seit dem gescheiterten Putsch setzt Erdogan verstärkt auf islamische Stiftungen und Bruderschaften, um die Lücke im Bildungswesen zu schließen, die durch die Zerschlagung der Gülen-Bewegung entstanden ist. Erdogan hatte sich früh mit dem Prediger Fetullah Gülen verbündet, um den Staat unter seine Kontrolle zu bringen. Dieser hatte seit den 1960er-Jahren in der Türkei ein Netzwerk aus Schulen, Wohnheimen und Nachhilfeeinrichtungen aufgebaut, um die Jugend in den Werten des Islams zu erziehen und ihr zugleich die Fähigkeiten zu vermitteln, um in der modernen Welt zu bestehen. Für Erdogan waren die frommen, gut ausgebildeten Absolventen der Gülen-Schulen ideale Kandidaten, um Posten in Verwaltung, Justiz und Militär zu besetzen. Über Jahre rückten Gülen-Anhänger so auf wichtige Stellen im Staatsdienst auf, obwohl säkulare Türken früh warnten, dass sich eine sektenartige Bewegung des Staates bemächtige.
Das Urteil der Religionsbehörde
2013 überwarf sich Erdogan jedoch mit Gülen. Im folgenden Machtkampf ließ Erdogan Schulen, Wohnheime und Medienorgane der Bewegung schließen. Als im Juli 2016 das Militär einen Putsch versuchte, machte er Gülen dafür verantwortlich und ließ Zehntausende seiner Anhänger inhaftieren oder aus dem Staatsdienst entlassen. Heute ist die Gülen-Bewegung in der Türkei verboten und die staatliche Religionsbehörde Diyanet diffamiert sie international als »unislamisch«. So erhielten kürzlich die katholischen Bischöfe in Deutschland ein Rechtsgutachten, in dem behauptet wird, Gülen wolle »durch den interreligiösen Dialog den muslimischen Glauben zerstören«. Ferner wird den Christen vorgeworfen, an der Zerstörung des Islams zu arbeiten, weil sie die Gülen-Bewegung unterstützten. Deshalb, so das Gutachten, sei von einem freundschaftlichen Umgang mit Juden und Christen abzuraten. Die Bischöfe sind alarmiert. Sie haben die Ditib, den deutschen Ableger der Diyanet, um eine Stellungnahme gebeten und beteuern, dass sie sich vom Weg des Dialogs nicht abbringen lassen wollen.
In der Türkei sucht die Regierung Erdogan derweil verstärkt die Kooperation mit anderen religiösen Bruderschaften und Stiftungen, um auch ohne Gülen ihr Ziel der Schaffung einer »frommen Generation« zu erreichen. Sie setzt dabei bevorzugt auf Stiftungen wie Tügva, Ensar oder Türgev, die ihr treu ergeben sind. Besonders Türgev ist eng mit Erdogan verbunden, seit er sie 1996 als Istanbuler Bürgermeister gegründet hat. Bis heute sitzen sein Sohn und seine Tochter im Vorstand. Die Stiftung vergibt Stipendien, betreibt Schulen und unterhält allein in Istanbul 25 Wohnheime – strikt nach Geschlechtern getrennt, mit Alkoholverbot und frühen Schließzeiten. Für ärmere Familien sind diese religiösen Wohnheime oft die einzige Option, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. Denn staatliche Wohnheime bieten viel zu wenig Plätze an, und private Unterkünfte sind um ein Vielfaches teurer. Stiftungen wie Tügva oder Ensar bieten auch Korankurse an, organisieren Ferienlager und verlegen Zeitschriften für Jugendliche. Laut der regierungskritischen Zeitung Birgün hat Tügva kürzlich vom Bildungsministerium den Auftrag erhalten, den Islamunterricht an staatlichen Schulen zu organisieren.
Von einem »Outsourcing« der Bildung an religiöse Stiftungen spricht der Istanbuler Soziologe Mehmet Ali Caliskan. Das Problem sei nicht, dass konservative sunnitische Organisationen Schulen betreiben, sondern dass sie Aufträge von der Regierung erhalten, ohne dass es eine allgemeine Ausschreibung oder eine öffentliche Debatte darüber gegeben habe, sagt er. Nicht nur säkulare Türken, sondern auch viele Kurden und Aleviten seien beunruhigt. So wie früher die Kemalisten fromme Muslime ausgegrenzt hätten, gebe die Regierung nun der religiösen Bildung den Vorzug. Beides diskriminiere einen Teil der Bevölkerung und missachte die Vielfalt der Gesellschaft, kritisiert Caliskan. Die Tendenz zur Islamisierung der Bildung zeigt sich auch beim neuen Lehrplan. Für Empörung sorgte vor allem die Entscheidung, künftig nicht mehr die Evolutionstheorie von Charles Darwin zu unterrichten. Stattdessen wird das islamische Konzept des heiligen Kriegs gelehrt. Dschihad statt Darwin also. Außerdem gewinnen die seit Jahren geförderten Imam-Hatip-Schulen seit einer Schulreform 2010 als Alternative zu säkularen Schulen weiter an Boden. Allein im vergangenen Schuljahr wurden laut Birgün landesweit tausend neue Imam-Hatip-Schulen eröffnet.
Eine antiwestliche Führungselite
Seit dem Zerwürfnis mit der Gülen-Bewegung kooperiert die Regierung außerdem verstärkt mit islamischen Bruderschaften wie der Süleymancilar und der Ismailaga Cemaat. Für die Regierung seien sie natürliche Verbündete, sagt ein türkischer Soziologe, der anonym bleiben will. Allerdings achte Erdogan genau darauf, dass nicht wieder eine einzelne Bruderschaft so mächtig werde wie Gülens Bewegung. Der Türkei-Experte Svante E. Cornell findet es prinzipiell richtig, dass der Einfluss der Gülen-Bewegung im Bildungssektor zurückgedrängt wurde. Denn auch wenn deren Schulen relativ fortschrittlich gewesen seien, sei die Gülen-Bewegung doch ein »Kult mit einer versteckten Agenda«, der von seinen Anhängern absoluten Gehorsam verlange. Das Problem sei allerdings, dass die Bruderschaften, die an ihre Stelle rücken, noch weitaus konservativer seien, sagt Cornell.
Manchmal zeigt sich dies schon an der Kleidung: Wenn in der Istanbuler Koranschule der Ismailaga-Bruderschaft der Unterricht endet, strömen Schüler mit bestickten Kappen, langen Gewändern und Pluderhosen auf die Straße. Die Älteren tragen Bart und weißen Turban, die Frauen bodenlange schwarze Schleier. Selbst im konservativen Stadtviertel Fatih, in dem die Bewegung zu Hause ist, fallen sie aus dem Rahmen. Wenn Erdogan mit seiner Politik Erfolg habe und Bruderschaften wie die Ismailaga weiter im Bildungsbereich an Boden gewinnen, warnt Cornell, werde die künftige Führungselite der Türkei »absolut mittelöstlich und antiwestlich« sein.
