El Salvador: Vergebung für die Killer
An der »Prozession des Friedens« nimmt nicht einmal eine Handvoll Leute teil – und doch schaut an diesem Freitag im Juli ganz El Salvador genau hin, wie die vier vermummten Männer langsam, aber zielgenau den Tisch ansteuern. An ihm sitzen Militärbischof Fabio Colindres, der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), José Miguel Insulza, und der Ex-Guerilla-Kämpfer Raul Mijango für die Regierung.
Mitgebracht haben die vier Vermummten ihr tägliches Handwerkszeug: Messer, Macheten, Handfeuerwaffen, Pumpguns und Maschinengewehre. Insgesamt 77 Mordwaffen liegen am Ende dieses Tages ausgebreitet vor dem katholischen Bischof und seinen einflussreichen Gästen auf einem langen braunen Tisch.
Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt?
Es ist nur eine symbolische Geste auf dem Gerardo-Barrios-Platz im Zentrum der Hauptstadt San Salvador. Jedoch eine Geste, die die Hoffnung bestärkt, dass es in El Salvador vielleicht doch einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt geben könnte. »Wir möchten uns ändern, und wir möchten, dass Sie wissen, welche Anstrengungen wir unternehmen, damit sich die Situation für unser Volk bessert«, sagte einer der vier Vermummten.
Die wichtigste Tageszeitung des Landes La Prensa Grafica schaut scharf und kritisch hin: Viele der Waffen seien verrostet gewesen, einige gar nicht mehr verwendbar. Vertrauensbildung ist eben ein langwieriges und mühsames Geschäft. Es geht um viel an diesem Freitag im Juli – für alle Beteiligten.
Militärbischof Fabio Colindres hat vor ein paar Monaten angefangen, mit den inhaftierten Führern der berüchtigten Mara-Banden zu sprechen. Nun legen sie ihm ihre Waffen symbolisch zu Füßen. Colindres, mit 51 Jahren ein junger Militärbischof, will den Weg des Gespräches fortsetzen, wohl wissend, dass nicht alle Teile der Gesellschaft angesichts der Gräueltaten der Gangs, die mit Organen handeln und Menschen entführen, einen Dialog für die richtige Vorgehensweise halten. Und auch die Bandenführer müssen sich intern rechtfertigen, denn Dialog- und Verhandlungsbereitschaft sind nicht gerade die Eigenschaften, die in der Hierarchie der Mara-Banden einen steilen Aufstieg ermöglichen.
Die Perspektivlosigkeit treibt bereits Kinder zu den Gangs
Im Kern geht es darum, die unsäglich hohe Gewalt in dem Land zu stoppen. Ganze Viertel in San Salvador sind fest in der Hand der Maras. Die Menschen in den Armenvierteln wagen sich bei Dunkelheit nicht mehr aus der Hütte, um nicht in die Schießereien der Banden zu geraten. Die aus der Armut resultierende Perspektivlosigkeit treibt bereits Kinder zu den Gangs. Das leichte Geld der Straße ist allemal attraktiver als die aussichtslose Suche nach ehrlicher Arbeit.
Unter dem Begriff Mara wird eine Vielzahl von Banden zusammengefasst. Sie agieren in Nord- und Mittelamerika. Das Exil vieler Salvadorianer in den USA während der Bürgerkriegszeit gilt als Ursprung der Maras. Deren Mitglieder sind zumeist durch eine Tätowierung wie »M«, »MS« oder »13« erkennbar. Das Tattoo weist auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Mara-Gruppen hin.
Enorm hohe Mordrate
Allein in El Salvador gibt es, so schätzen Menschenrechtler, bis zu 100 000 Mitglieder dieser gewaltbereiten Banden, die durch Drogenhandel, Schutzgelderpressung oder Prostitution ihre Einnahmen generieren. Das hat Konsequenzen: El Salvador gilt wegen seiner Mordrate von jährlich 62 Morden auf 100 000 Bürger als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Laut UN werden täglich zwölf Menschen ermordet.
Vor diesem Hintergrund begann Militärbischof Fabio Colindres im Frühjahr Gespräche mit einigen inhaftierten Führern der Banden. Es folgte ein denkwürdiger Gottesdienst im Hochsicherheitsgefängnis von San Miguel. Hunderte von tätowierten Häftlingen beten im Innenhof der Haftanstalt gemeinsam mit Erzbischof Luigi Pezzuto, dem Apostolischen Nuntius in El Salvador, und Militärbischof Colindres. Der wird so etwas wie ihr Anwalt im Versuch, mit der Gesellschaft friedlich Kontakt aufzunehmen. Fernsehen und Radio übertragen den historischen Moment in die Wohnzimmer El Salvadors.
»Sehr viele Menschen glauben nicht, dass sie von euch etwas Gutes erwarten können. Christus ist aber zu uns gekommen, um uns ebendies zu lehren. Wenn die Menschen ihr Herz der Liebe öffnen, können sehr gute Dinge daraus entstehen«, sagt Colindres an die Gefangenen gerichtet. Aber es ist auch eine Botschaft an die Menschen vor den Fernsehern. Sie soll ihnen die Angst vor den Tätowierten nehmen.
Waffenstillstand stoppt Bandenkrieg
Colindres erreicht in einer ersten Aktion, dass die Justiz ihr Einverständnis für eine Haftverlegung der Bosse in normale Gefängnisse gibt. Eine umstrittene Entscheidung, denn Milde ist das Letzte, das der vom Straßenterror eingeschüchterte Salvadorianer den Gang-Führern wünscht. Aber auch die Gangführer liefern pünktlich: Ein Waffenstillstand soll zunächst das sinnlose Blutvergießen unter den verfeindeten Gangs beenden. Die Auswirkungen sind prompt spürbar. Wie auf Knopfdruck sinkt im Folgemonat die Mordrate um die Hälfte. Das wiederum weckt das Interesse der Nachbarn und der Organisation Amerikanischer Staaten.
Denn die mafiaartige Struktur der Maras verbreitet sich in Zentralamerika längst wie ein Krebsgeschwür. Bis in die Latino-Ghettos der US-Millionenstädte Los Angeles, New York und Miami reicht der lange Arm der Maras. Deswegen beobachtet auch die US-Regierung interessiert die Fortschritte der Arbeit. Das US-Außenministerium lässt prüfen, ob es die Anstrengungen finanziell unterstützt.
»Dieser Prozess gehört in die Hände der Regierung«
Monat für Monat gibt es kleine Fortschritte. Erst erklären die Maras auch die Schulhöfe zu »Friedenszonen«, die sie künftig respektieren wollten. Dann übergeben sie im Juli Waffen an Militärbischof Colindres. Und Dionisio Umanzor, Chef der berüchtigten Mara MS 13, leistet öffentlich Abbitte: »Ich möchte im Namen aller Mitglieder meiner Bande MS 13 bei der Gesellschaft und Gott um Vergebung und eine Gelegenheit bitten, uns ändern zu können. Wir alle sind nicht nur Salvadorianer, wir alle sind auch Menschen.«
Vier Monate nach dem Start der Friedensgespräche liegen nun die Karten auf dem Tisch. Für den Erzbischof von San Salvador und Vorsitzenden der Bischofskonferenz, José Luis Escobar Alas, übersteigen die ersten Verhandlungserfolge die Möglichkeiten der katholischen Kirche. »Was Militärbischof Colindres bisher erreicht hat, ist eine gute Sache, aber die Kirche hat nicht die Kapazität, diesen Weg allein weiterzubeschreiten. Dieser Prozess gehört nun in die Hände der Regierung. Sie verfügt über die Mittel und Wege, um die Dinge voranzutreiben – wirtschaftlich und politisch. Wir haben die Initiative ergriffen, doch nun ist es an der Zeit, dass die gesamte Gesellschaft die Verantwortung übernimmt.«
Vor allem Staatspräsident Mauricio Funes ist nun gefordert. Der linksliberale Regierungschef hielt sich bislang bewusst im Hintergrund. Die Annäherung zwischen Kirche und Bandenführern wäre ohne seine Zustimmung nicht möglich gewesen. Doch nun sucht Funes nach einem Königsweg, um die skeptische Gesellschaft miteinzubinden. Funes, früher CNN-Korrespondent und heute Politiker der Linken von der regierenden Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN), weiß, auf welch dünnem Eis sich die Verhandlungen befinden. Dem Ex-Journalisten ist klar, wie schnell bei Rückschlägen öffentliche Euphorie in Hass umschlagen könnte.
Ein neuer Friedenspakt?
Funes’ Berater wie auch die Kirche haben bereits laut über einen neuen Friedenspakt für El Salvador nachgedacht. Mit dem historischen Friedensabkommen von Chapultepec endete am 16. Januar 1992 ein zwölfjähriger Bürgerkrieg in El Salvador, der rund 75 000 Menschen das Leben kostete. Damals reichten sich die im Bürgerkrieg verfeindeten Lager die Hände. Ein ähnlicher Akt könnte nun erneut zu einem Neuanfang führen, nur dass diesmal die Vertragspartner keine Bürgerkriegsparteien, sondern die Angehörigen von kriminellen Jugendgangs und der Zivilgesellschaft wären. Nicht nur juristisch wäre das gesellschaftspolitisches Neuland.
Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg, und Rückschläge sind nicht ausgeschlossen. »Was wir brauchen, ist eine Perspektive für die Jugendlichen. Wir brauchen wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze, sonst helfen all die schönen Worte nichts«, sagt Raul Mijango. Der ehemalige Guerillakämpfer ist heute Jurist und vertritt die Regierungspartei FLMN als Vermittler bei den Gesprächen. Der neben ihm am Tisch sitzende Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, Insulza, ist sichtlich beeindruckt. Mit Blick auf die vor ihm niedergelegten Waffen der Maras sagt er: »Die Gespräche zeigen, dass es möglich ist, in Lateinamerika die Kriminalität zu reduzieren.« Die OAS werde die Gespräche unterstützen, verspricht er. Wie, lässt er offen. Mijango resümiert, dass der von der Kirche ausgehandelte Weg zum Frieden unumkehrbar sei – sonst würde der letzte Rest Bindung zwischen Zivilgesellschaft und Bandenmitgliedern zerstört.
