Frauen machen Religion
»Sehen und gesehen werden«: So variierten die Veranstalterinnen des Frauenmahls auf dem Berliner Kirchentag das Motto »Du siehst mich«. Frauenmahle finden seit einigen Jahren in ganz Deutschland statt, dieses ist interreligiös. Auf den ersten Blick mindestens ein schönes Get-Together, auch hier in Berlin: Der große Saal gefüllt mit runden Tischen, um die dicht an dicht Frauen verschiedenen Alters sitzen: Christinnen, einige Musliminnen, einige Jüdinnen. Sie kennen sich größtenteils nicht, aber kommen schnell ins Gespräch: Gemurmel erfüllt den Saal, der bis auf den letzten Platz besetzt ist. Als eine Frau die Bühne betritt, um die Gäste zu begrüßen, verstummt es. Alle Gesichter wenden sich zu ihr um. »Boah«, fasst die Frau neben mir die Atmosphäre zusammen.
An jedem Tisch sitzen Gastgeberinnen, die auf ein Zeichen hin schwungvoll Tischdecken hervorziehen und über den Tischen ausbreiten. Dann holen sie Schälchen, Schüsseln und Spieße aus ihren Picknickkörben. Für alle gibt es Hefezöpfe und Datteln – kulinarische Zeichen für das Miteinander der drei abrahamitischen religiösen Traditionen. Zwischen den Gängen, wenn das Klimpern des Bestecks nicht so laut ist, halten Frauen Tischreden. Und spätestens da wird das Get-Together nicht nur zeichenhaft, sondern auch verbal unmissverständlich religiös-politisch: Es geht um die Zukunft von Religion und Politik, um den Blick der Frauen und den Blick auf die Frauen – sehen und gesehen werden.
Auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hält eine charmante und humorvolle Rede. Frauen seien in der evangelischen Kirche sichtbarer geworden und bekleideten wichtige Ämter. Nicht jedem gefalle das. Und sie würde sich auch sehr über katholische Kolleginnen freuen. Trotzdem: »Wir haben gelernt, Gespräche nicht mehr für wichtiger anzusehen, wenn Männer dabei sind.«
Auch wir standen am Sinai!
Rabbinerin Ulrike Offenberg hat sich während ihres Studiums in Jerusalem für die Gruppe »Women of the Wall« engagiert, die sich für gleiche religiöse Rechte von Frauen an der Klagemauer einsetzt. Sie weist in ihrer Rede darauf hin, dass es in Deutschland nur sieben Rabbinerinnen gebe. Dass der Ausschluss von Frauen aus religiösen Ämtern als fundamentaler Wert gehandelt wird, kann sie nicht nachvollziehen: »Was soll das? Auch wir standen am Sinai!« Aber sie wolle nicht in der Klage darüber verharren, sondern »die Schätze unserer Religion heraufholen und dafür sorgen, dass wir nicht mehr zu übersehen sind«.
Zu überhören sind die Frauen auch nicht. Die jüdische Kantorin Esther Hirsch singt ein Gebet. Später werden alle Frauen an den Tischen eingeladen, einen Ton zu summen. Der Boden vibriert. Darüber singt die Koranrezitatorin Mirjam Armer. Es ist unmöglich, davon nicht berührt zu sein.
Zu viel Harmonie?
Man könnte jetzt bemäkeln, das sei Gefühlsduselei, zu viel der Harmonie, es gäbe ja auch noch so viel anderes zu diskutieren. Und bei so vielen Schüsseln auf den Tischen findet man garantiert auch das ein oder andere Haar in der (Kartoffel-)Suppe. Aber warum sollte man ausgerechnet hier mäkeln, wo Frauen verschiedener Religionen friedlich zusammen um runde Tische sitzen und sagen, was sie zu sagen haben? Das ist doch ein Musterbeispiel für demokratische Praxis und Gemeinschaft, und dass die Gesellschaft die nötig hat, darüber ist in diesen Tagen doch so viel die Rede: Wenn etwas auf diesem Kirchentag immer wieder über alle Vorträge und Podien hinweg betont wird, dann das.
Klar muss diskutiert und ausgehandelt werden. Es soll sich auch heftig gestritten werden dürfen, wenn es drauf ankommt. Aber es braucht manchmal erstmal »safe spaces«, sichere Räume, in denen Menschen, in dem Fall Frauen, offen sprechen können, ohne sofort angegriffen zu werden. Es geht ums Zuhören und Verstehen, nicht darum, in Scheindebatten Recht zu behalten. In solchen Räumen werden Überzeugungen und Anliegen überhaupt erst formuliert und vom Gegenüber gespiegelt. Dann können sie auch in die gesamtgesellschaftliche Debatte eingebracht werden.
»Feministinnen aller Religionen, vereinigt euch!«
Es geht bei Veranstaltungen wie dieser (wie übrigens bei großen Teilen des Kirchentags) auch darum, den Mut nicht zu verlieren und sich gegenseitig den Rücken zu stärken. Einmal nicht kritisch beäugt, sondern gesehen und anerkannt zu werden. Das gilt ganz besonders für den interreligiösen Dialog. Man konnte an diesem Tag sehen, wie gut es den Frauen tat, einfach zusammen sein zu können. Und dass manche auch selber ein bisschen überrascht davon zu sein schienen. Manchmal braucht es dafür nicht mal viele Worte. »Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, dann feiern wir«, sagte Pfarrerin Kerstin Söderblom am Nachmittag auf einem Podium.
Jenes Podium am Nachmittag – das muss noch gesagt werden – war übrigens eines der Highlights auf dem Kirchentag. Es trug den Titel »Feministinnen aller Religionen vereinigt euch« – der »einerseits augenzwinkernd, aber auch mit einer gewissen Dringlichkeit« gewählt wurde. Die Politikwissenschaftlerin und Theologin Antje Schrupp wappnete die Halle in ihrem genialen Vortrag mit Strategien gegen Fundamentalismus: Es sei ein großer Irrtum, die »Fundamente« den Fundamentalisten zuzuschreiben und sich als liberale religiöse Frau einreden zu lassen, man verrate seine religiösen Traditionen an den Zeitgeist: »Wir dürfen uns weder von religiösen Fundamentalisten einreden lassen, wir seien nicht fromm, noch von den Säkularen, wir seien nicht frei. Wir sind frei und fromm!« Der Saal brach in spontanen Applaus aus.
Gesicht zeigen sei jetzt angesagt, waren sich alle Frauen auf dem Podium einig. Mit der eigenen Person deutlich zu machen: So bin ich, so ist das Leben. Am Ende versammelten sich alle Frauen, Christinnen, Musliminnen, eine Jüdin, noch einmal auf dem Podium, es wurde geschnackt, geherzt, geküsst. Über ihren Köpfen das Logo des Kirchentags: »Du siehst mich.«
