Freude, schöner Götterfunken
Alles begann mit »Freude, schöner Götterfunken«, gestern vor fünf Wochen.
Stellen Sie sich vor: eine schmale Straße, hauptsächlich von Radfahrer*innen befahren, mitten in Münster. Die gegenüberliegenden Häuser etwa acht Meter entfernt – »man guckt sich also rein«. Dennoch hatten wir keine Ahnung.
Zu jenem Sonntag, dem 22. März, war alle Welt per WhatsApp aufgerufen, um 18 Uhr an Fenstern oder auf Balkonen zu musizieren. Helmut, 70 Jahre, Klavier, und ich, 68 Jahre, Altblockflöte, wollen selbstverständlich dabei sein und öffnen, nach kurzem Üben, unser Fenster auf der ersten Etage. Zeitgleich wird genau gegenüber oben auf der zweiten Etage ebenso ein Fenster geöffnet – Henning, junger Student, steht dort mit seiner Bratsche. Nie zuvor haben wir uns gesehen, begrüßen uns herzlich und beginnen zu spielen. Fußgänger*innen bleiben stehen, hören eine Weile zu, eine Frau singt den Text mit.
Nach einigen Durchgängen in unterschiedlichen Besetzungen wird im Parterre gegenüber auf einmal das Fenster aufgerissen: »Brauchen Sie noch ein Fagott?«, ruft Jana, circa 27 Jahre, holt es auf unser begeistertes »JA« hervor und stimmt mit ein. Ein Radfahrer fügt sein Geklingel hinzu, Leute klatschen.
Gegen 18.30 Uhr beenden wir das Musizieren – und lauter Ideen werden hin und her gerufen: »Von jetzt an jeden Sonntag um 18 Uhr!« – »Wir könnten auch vierstimmige Lieder spielen.« – Henning wird in seinen Noten suchen: »Der Mond ist aufgegangen«. – »Sollen wir nicht unsere Handynummern austauschen?« – Über die Straße hinweg rufen wir sie uns zu und – schwupps – gründet Jana eine Nachbarschaftsorchestergruppe.
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In den Wochen seither erweitern wir von Mal zu Mal unser Repertoire: Frühlingslieder, Klezmerstücke, Kanons, Ruhiges, Bewegtes – Noten werden hin und her geschickt, kopiert, in Briefkästen gesteckt – alle freuen sich auf Sonntag, 18 Uhr, wenn sich die Fenster öffnen, unser Spiegel wieder so hergerichtet wird, dass Henning und Jana sich gegenseitig sehen können.
Beim dritten Mal hört neben etlichen Nachbar*innen auch Frau J., die unter uns wohnt, zu und meint am Ende: »Ich such jetzt mal meine Blockflöte« – findet sie nicht, dafür aber das alte Akkordeon ihres Vaters. Noch nie zuvor haben wir sie spielen hören – nun übt sie und ist begeistert als Fünfte mit dabei.
Der SCHÖNE GÖTTERFUNKEN ist eingeschlagen bei uns – nicht nur uns zur Freude! Niemals hätten wir ohne diese Corona-Beschränkungen voneinander das uns Verbindende erfahren: LIEBE zur Musik, zum MITEINANDER-MUSIZIEREN über geschlossene Türen hinweg!
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Dies ist ein Beitrag im Rahmen des Erzählprojektes von Publik-Forum »Die Liebe in Zeiten von Corona«. Wir laden unsere Leserinnen und Leser ein zu unserem Erzählprojekt: Bitte schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, Nöte, Ängste und Ihre Zuversicht in Zeiten von Corona.
