Führen heilige Bücher in die Zukunft?
»Die Heiligen Texte, auf die sich Judentum, Christentum und Islam beziehen, haben derzeit keine gute Presse. Symptomatisch für den Eindruck, den viele von diesen Büchern haben, ist ein Zitat des Atheisten Richard Dawkins. Er schreibt in seinem Bestseller Der Gotteswahn: »Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz drauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontrollfreak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.« (...)
Und hat Dawkins nicht recht? Wird Gottes Eifersucht in der Bibel nicht tatsächlich in ziemlich verstörender Eindringlichkeit geschildert? Ist die Präsenz Gottes im biblischen Zeugnis nicht auch in den kleinsten Nischen meines Alltags bedrängend und unausweichlich? Ist die Gewalt Gottes nicht immer wieder erschreckend destruktiv und brutal? Und ist es nicht tatsächlich so, dass die Emanzipation der Frau und die Freiheit sexueller Orientierung deutlichere Unterstützung finden könnten als in den Texten der Schrift? Sind Bibel und Koran also nicht doch mehr Ballast einer vergangenen Zeit, dessen wir uns entledigen müssen, wenn wir zukunftsfähig werden wollen?
Die Versuchung ist groß, nicht nur die Sprache der Bibel geschlechtergerecht und pazifistisch umzudeuten, sondern gleich all die Passagen wegzulassen, die nicht mehr zeitgemäß sind oder uns nicht mehr zeitgemäß erscheinen. In der Tat sind im Christentum immer wieder Menschen dieser Versuchung erlegen. Letztlich läuft es darauf hinaus, sich Gottes Wort so zurechtzubiegen, dass es zu den eigenen Idealvorstellungen passt, das eigene Weltbild stützt.
Ich beispielsweise hätte gerne einen Gott der Liebe, der immer dann freundlich und nachsichtig reagiert, wenn Menschen sich gegen ihn verfehlen, und der in unendlicher Großzügigkeit in seine Gemeinschaft einlädt. Zugleich sollte Gott aber auch dafür sorgen, dass es weniger Hunger, Not und Elend auf der Welt gibt.
Wenn Gott so wäre, wie ich ihn gerne hätte, wäre es allerdings nicht ganz einfach zu verstehen, warum die Welt nicht deutlicher so ist, wie Gott und ich sie uns wünschen. Und auch wenn ich in der Theologie recht erfolgreich Gott so denke, dass er oder sie am Ende all meine Wünsche weitet und übersteigt, holen mich die Schrecken dieser Welt immer wieder brutal aus meinen Träumen und machen mir klar, wie schwierig es doch ist, einen allmächtigen und guten Gott als Urheber oder Urheberin von allem zu denken. Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Aber es ist eben auch nicht so einfach.
Wir brauchen deshalb Texte, die uns helfen, die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit auszuhalten und mit Gott zusammenzubringen. Wir brauchen Texte, die uns Kopfzerbrechen bereiten und die nicht schon immer zu dem passen, was wir zu wissen meinen....«
Wie ist Ihre Meinung zur Zukunft der heiligen Bücher? Nutzen Sie die Kommentarmöglichkeit direkt unter diesem Artikel. In unserer Reihe »Streitfragen zur Zukunft« lasen Sie bisher: »Macht uns das Internet zu schlechteren Menschen?« und »Müssen wir den Kapitalismus überwinden?«
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