Gesucht: Gott in Frankreich
In keinem anderen europäischen Land distanzieren sich so viele Menschen so schnell vom christlichen Glauben. Das hat das Meinungsforschungs–Institut Gallup jüngst in einer repräsentativen Umfrage dokumentiert. Die religiöse Landkarte verändert sich radikal.
Zahlenmäßig am stärksten ist in Frankreich die Glaubenshaltung der Skeptiker: Vierzig Prozent der Franzosen lassen es völlig offen, ob Gott eine transzendente Realität sei oder nicht. Ausdrücklich verneint wird die Existenz Gottes von 29 Prozent, die Anzahl der Atheisten ist unter jungen Menschen noch größer. Die Gläubigen bilden bereits eine Minderheit. Und diese kleine Gruppe ist auch längst nicht mehr das, was man »gefestigt im Glauben« nennen könnte: Noch nicht einmal jeder Dritte unter ihnen bekennt sich ausdrücklich zu seiner Verbundenheit mit Gott. Betrachtet man hingegen die Konfessionsstatistik, so gibt es eine Überraschung: Immerhin nennen sich noch 55 Prozent der Franzosen katholisch. Das heißt: Unter den Katholiken gibt es bereits Atheisten und Skeptiker.
Wird Ostern kurzerhand zum »Fest der Freiheit« umbenannt?
Typisch für Frankreich ist auch eine krasse gesellschaftliche Spaltung: Da steht der Block der Frommen dem immer größer werdenden Block der Antiklerikalen, Skeptiker und Atheisten gegenüber. Die Nichtreligiösen spüren einen deutlichen Aufwind: Sie verfügen über ihre eigenen Werbezentralen, etwa die viel besuchte Volksuniversität des militanten atheistischen Autors Michel Onfray. Seine zumeist polemischen Werke werden in vielen tausend Exemplaren verbreitet. Säkulare Riten werden wieder beliebt, etwa zur Geburt oder Eheschließung. Auch werden Forderungen diskutiert, die christlichen Feiertage durch säkulare Feste zu ersetzen: Ostern soll dann zum Beispiel »Fest der Freiheit« heißen. Der auch international hoch angesehene Politologe und Autor Jacques Attali macht sich für eine solche Umwidmung der Feste stark.
Bevor das Parlament jüngst die Verehelichung gleichgeschlechtlicher Paare mit großer Mehrheit gesetzlich erlaubte, gab es landesweit Massendemonstrationen: Dabei bildete sich ein konfessionsübergreifendes Bündnis von konservativen Gläubigen: Juden, Katholiken und Muslime vereinten sich in ihrer Ablehnung der Gleichstellung Homosexueller. Etliche katholische Bischöfe nahmen an den Demonstrationen dieser neuen Ökumene teil. Atheisten und Skeptiker hingegen forderten als Block die »Ehe für alle«. Nur ganz wenige Katholiken solidarisierten sich mit dieser Position.
Der tiefe weltanschauliche Wandel in Frankreich wird sichtbar, wenn man die konfessionelle Bindung der gegenwärtigen Regierung betrachtet: Die katholische Wochenzeitung La Vie hat dokumentiert, dass sich die allermeisten Minister als Atheisten bezeichnen; nur 6 von 34 Kabinettsmitgliedern nennen sich gläubig, allerdings mit dem Zusatz: »Ich praktiziere meine Religion nicht.«
Frankreichs Katholizismus bietet ein trauriges Bild
Die reformierten und lutherischen Christen reagieren besonnen auf diesen religiösen Wandel. Sie suchen als Minderheit den Dialog, wollen vermitteln. Die katholische Kirche hingegen schottet sich ab, pflegt immer mehr nur ihre bedingungslose Treue zu Rom. Sehr konservative und fundamentalistische Kreise, etwa Charismatiker und papsttreue Traditionalisten, werden immer einflussreicher.
Damit bereitet der französische Katholizismus sein eigenes Ende vor. Zu Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils und etliche Jahre später noch war er Inbegriff kreativer Theologie und progressiver Pastoralexperimente; jetzt wird er zur Sekte. Einmal waren gebildete Laien – Frauen und Männer – bereit, das kirchliche Leben in den Gemeinden zu retten. Aber die Kleruskirche gab ihnen keine Chance. Jetzt muss eben jene Kirche erkennen, dass ihr Klerus auf dem Weg ist, in den nächsten zwanzig Jahren auszusterben.
Der Weltgebetstag wirft also ein Licht auf jenes Land Europas, das früh eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Christentums spielte, dem diese Religion aber heute fremd geworden ist. Die Türme faszinierender gotischer Kirchen strecken sich dem Himmel entgegen wie eh und je. Doch die Franzosen sehen in diesen Kirchen immer seltener Orte, an denen sie sich zur Ehre Gottes versammeln.
