Gott suchen in Auschwitz?
Polen im Januar. Wenn man hinter dem Nebel die Sonne sehen könnte, stünde sie wohl tief. Das Thermometer zeigt Minusgrade. Ich stehe dort, wo vor 71 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war. In meinem Rücken das riesige Mahnmal mit den Gedenktafeln. Ich sehe das Haupttor, die Gleise, die Ruinen der unzähligen Baracken, die Trümmer der Gaskammern und Krematorien. Ich, vierte Generation nach dem deutschen Massenmorden, bin zum ersten Mal dort. Und höre auf Deutsch: »Im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes …« Am Mahnmal steht eine Gruppe junger Menschen im Kreis, die Köpfe andächtig gesenkt. Gebetsformeln reihen sich aneinander. Das erschüttert mich. Das kilometerweite, ordentlich strukturierte Lager – Im Namen des Vaters? Wie können wir hier zu Gott reden, ein Gebet in der Sprache der Täter sprechen? Wenn es schon barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, wie Adorno sagt, wie soll man dann beten? Als würde Gott sich davon rühren lassen? Müssten Täterkindeskinder nicht anders beten? Oder besser nur schweigen?
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