Heute noch von Sünde reden?
»Nie ist der christliche Glaube so lebendig und wach wie dann, wenn er infrage gestellt und zum Denken genötigt wird. Denn die ärgste Feindin der Wahrheit ist die bräsige Denkfaulheit, die sich im Selbstverständlichen eingerichtet hat. Oder die Angst: »Bloß nichts anfassen, sonst kippt hier alles …« Daher: Ich teile zwar die Auffassung meines Kollegen Klaas Huizing inhaltlich nicht, aber ihm ist ausdrücklich zu danken. Huizings Kritik entzündet sich daran, dass der christliche Glaube traditionell die Erlösung von der Sünde durch das Kreuz Christi verheißt ...
Dagegen versteht Huizing das Christentum als »Gewaltunterbrechung« durch »Statusverzicht«. Schuld beginne mit dem Übergang zur Gewalt. Gewalt ist die Folge der Statusangst. Also ist das Ende der Gewalt die Einweisung in den Statusverzicht, zu dem die Gleichnisse Jesu und die Geschichte von Kain und Abel, an der Klaas Huizing besonders hängt, anleiten. Um diese Pointe zum Leuchten zu bringen, bedarf es des Endes der »Sündenverbiesterung«: »Menschen sind nicht notorische Sünder, sie sind gut, aber verführbar. Daher müssen sie darin gecoacht werden, ihre Autonomie nicht zu missbrauchen.«
Aber ist es wirklich so, dass Kain erst durch die Tat zum bösen Egozentriker verkommt, der sich auf Kosten seines Bruders durchsetzt? Die christliche Sündenlehre seit Augustin widerspricht genau der Feststellung, wonach nur derjenige böse ist, der Böses tut ... Die Sünde liegt nicht in der Tat, dem Mord, sondern im Willen, der die Tat leitet ...
Warum ist das eine weiterführende Einsicht? Weil wir mit dem Willen an den Punkt kommen, an dem wir ganz frei sind, aber dennoch unsere Selbstbestimmung eine Grenze hat. »Sklave der Sünde« zu sein heißt nicht, dass wir ständig morden, stehlen, unsere Eltern verachten oder die Ehe brechen. Das hat auch kein Theologe je behauptet. Aber selbst wenn Kain sich beherrscht hätte, hätte das nichts daran geändert, dass er doch seinen Bruder »am liebsten« erschlagen hätte. Und diese Ausrichtung des Willens vor jeder Tat haben wir nicht im Griff ...
Wir können andere dazu nötigen, etwas zu tun oder zu lassen, nicht aber dazu, etwas zu wollen ... Darum fordern wir zu Taten auf, nicht aber zu Willensregungen. »Verzichte auf das Autofahren!« ist ein sinnvolles Gebot. »Möge das Autofahren nicht!« – das ist für den, der es nun einmal mag, nicht nur grammatisch verquer ... Luthers Behauptung, dass der menschliche Wille unfrei sei, ist keine theologische Theorie, sondern schlichte Empirie. Das kann jeder ausprobieren, indem er sich dazu bewegt, etwas zu wollen, was er eigentlich nicht will.
Mit einer Ausrichtung unseres Wollens finden wir uns immer schon vor. Auch Kains Wille ist, bevor er zur Tat schreitet, nicht neutral zwischen den schieren Möglichkeiten von »gut« und »böse«. Sondern Kain ist schon vor dem Mord an seinem Bruder deutlich unentspannt. Sein Wollen ist orientiert an ihm selbst – und daran ändert auch das freundliche »Coaching« des »Weisheitslehrers Gott« nichts ... Dass unser Wille egozentrisch ist, ist der Kern der christlichen Sündenlehre. Dass wir uns immer schon so vorfinden, ist der Kern der »Erbsündenlehre«.
Das Christentum ist, so scheint mir, genau darin großartig, dass es den Umgang mit dem Bösen nicht auf das Vermeiden der Tat konzentriert. Die Meisterfrage lautet, wie jemand ein williger Täter des Guten wird, wie die Egozentrik des Willens ein Ende findet ...
Der Mensch muss mit dem zurande kommen, was er bei sich und bei anderen angerichtet hat und nicht mehr gutmachen kann ... Die begangene Sünde »lastet« auf dem Täter. Gerade dann, wenn sich unser Wille geändert hat, müssen wir irgendwie mit den Folgen leben, die diese Fehlausrichtung hatte. Wie lebt Kain mit dem, was er getan hat, »jenseits von Eden«?
Darauf in erster Linie bezieht sich der Zuspruch der Rechtfertigung. Er spricht von einer endgültigen, göttlichen Neubewertung der Existenz dessen, der unter seiner Verfehlung leidet: Du bist gerecht. Vergebung der Sünde. Wenn wir diesem Zuspruch glauben, wird die Sorge um unsere Identität – wer wir sind: gut oder böse – aus unserer Hand genommen ... Dass dies uns ergreift, haben wir nicht in der Hand.«
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