Hoffen über den Tod hinaus
Als ich noch Student in München war, saßen wir zusammen in der Mensa. Ich erzählte begeistert von der alten buddhistischen Praxis, sich in der Meditation jeden Tag an die eigene Sterblichkeit zu erinnern und sich darin einzuüben, an nichts in der Welt anzuhaften. Ich fand das faszinierend – eine enorme Herausforderung, klar, aber auch eine Art Training in Wahrheitserkenntnis und irgendwie befreiend. Doch ich weiß noch, wie eine Kommilitonin reagierte: »Ich würde dabei völlig depressiv werden und könnte nicht mehr leben.« Natürlich, zumeist leben wir, indem wir den Tod verdrängen. Am Beginn der Fastenzeit steht der Aschermittwoch mit der Spendung des Aschenkreuzes. Begleitet von den Worten »Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst«, zeichnet der Priester dem Kirchgänger mit feuchter Asche ein Kreuz auf die Stirn. In der katholisch geprägten Kleinstadt, in der ich aufwuchs, wischte man es nicht ab. Kein Aschenkreuz – das könnte ja bedeuten, dass man nicht in der Kirche war. Doch diesen Ritus ereilt zunehmend das gleiche Schicksal wie die Sache, an die er gemahnt. Er wird verdrängt. Religionen, zumindest in ihrer traditionellen Gestalt, kultivieren das Todesbewusstsein und wirken der Verdrängung entgegen. Warum eigentlich?
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